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Asht und Friedmann gegen Piraten und andere Schmarotzer

Gestern sah ich bei Fernsehkritik.tv einen fürchterlichen Ausschnitt einer Talkshow, wo Michel Friedmann eine Parteifunktionärin der Piraten zur Schnecke brüllte.
Nun, wir wissen, dass Michel Friedmann immer brüllt und trotz einer Kokain- und Zwangsprostituierten-Affaire immer irgendwie den Law&Order-Polemiker gibt. Warum der noch ins Fernsehn darf, ist mir ein Rätsel.
Jedenfalls hat er in diesem kurzen Ausschnitt Partei für die Autoren und sonstigen Künstler Partei ergriffen und glaubt wahrscheinlich damit das Publikum auf seiner Seite zu haben. Denn Künstler: Wow, die verdienen Respekt! Mehr Respekt als andere Menschen! Alle Menschen sind gleich – nur Künstler sind gleicher!

Wie dem auch sei: Wie auch Asht argumentiert, meint Friedmann, dass die Piraten den Künstlern das Essen stehlen. Ein Autor schreibe ein ganzes „verdammtest Dreivierteljahr“ an einem Buch und hat es danach verdient von seiner Arbeit zu leben!

Das habe ich mal als Basis genommen und etwas herum gerechnet:



Gehen wir von dem Dreivierteljahr aus. (Ich persönlich bin kein Vollzeit-Künstler, aber selbst wenn ich nur ab uns zu abends und am Wochenende schreibe, kriege ich einen Roman in einem halben Jahr hin – und ich male hin und wieder auch und schreibe Gedichte in meiner Freizeit…)
Was ist ein guter netto Monatslohn? Ich sage 2.000 €. Soviel habe ich selbst nicht bei einem Vollzeitjob, aber sei’s drum.
Für neun Monate Arbeit kämen wir dann auf einen Monatslohn von 18.000€. Damit die Zahl wirklich netto zu verstehen ist rechnen wir noch ein paar Kosten drauf. Ich habe mich dabei passenderweise an dem Durchschnittssatz einer Prostituierten gehalten (das ist eine Erfahrungssache als Buchhalterin): 30% des Bruttoeinkommens. (Da ein Autor fiktionaler Schriften in Zeiten des Internets jetzt nicht so wahnsinnig viele Betriebsausgaben haben dürfte, ist darin auch die freiwilligen Sozialversicherung enthalten (sagen wir monatlich 400€ - ergibt 3.600€) Bei den geschätzten Kosten von 5.400 € kommen wir dann auf tatsächliche Betriebsausgaben in Höhe von 1.800€ - Ziemlich viel Geld für Hintergrundlektüre, Telefon- und Internetkosten – da dürfte sogar ein Kurztrip ins Grüne drin sein – der wohlgemerkt, nicht in den Nettoeinnahmen enthalten ist – Jeder Arbeitnehmer muss seine Kurzurlaube selbst bezahlen!)
Ergibt Bruttoeinnahmen in Höhe von 23.400€ für neun Monate Arbeit. Merken wir uns das!

Gehen wir davon aus, dass das entstandene Buch 10€ kostet. Davon etwa 20% Autorenprovision ergeben pro Buch 2€.

Um auf seine 23.400 € zu kommen müsste das Buch 11.700 Mal verkauft werden.
Eine durchschnittliche Auflage für einen Roman beträgt laut Wikipedia 4.000 Stück.
Nach Adam Riese bräuchte der Autor drei Auflagen, um auf seinen Lohn zu kommen.

Die große Frage ist: Wie lange dauert es, bis es zu einer vierten Auflage kommt (also alle Bücher der ersten drei Auflagen vergriffen sind)?
Nun der erste Teil der Harry Potter-Serie ist in England im Jahr 2004 zum vierten Mal verlegt worden (und das ist eigentlich keine wirkliche vierte Auflage, denn die dritte und vierte Auflage sind zeitgleich erschienen…). Die erste Auflage war 1997. Dazwischen liegen sieben Jahre. (Nicht eingerechnet, dass die erste Auflage von Harry Potter in England nur 500 Stück zählte…)
Nun: Man könnte meinen, Harry Potter sei vielleicht ein schlechtes Beispiel, weil so unglaublich viele Exemplare gedruckt wurden. Nicht vergessen darf aber werden, dass die Nachfrage nach Harry Potter-Büchern um ein vielfaches höher war, als bei einem durchschnittlichen Roman und bei dieser Überlegung geht es ja nicht um die Anzahl verkaufter Bücher, sondern um die Zeit, die es brauchte bis es eine vierte Auflage gab. Da ich davon ausgehe, dass die Verlagshäuser ihre Produktion sehr genau auf die Nachfrage abgestimmt haben, glaube ich dass sieben Jahre für vier Auflagen noch ein verdammt guter Wert sind… Der Kleine Hobbit brauchte bis zur vierten Auflage zehn Jahre (1937-1947).
Teilen wir 23.400 € durch diese 7 Jahre. Das ergibt einen Jahresumsatz in Höhe von 3.342,86 €. Monatlich: 278,57 €.

Was ich damit nochmal deutlich machen will ist: Wer sich tatsächlich als freischaffender Autor – und nur als Autor – verdingt, der kann sich nicht auf einem einzigen Roman ausruhen. Um von den montalich durchschnittlich 278,57 € pro Buch leben zu können, müsste er schon mindestens 9 Bücher auf dem Markt haben.
Nach dem „verdammten Dreivierteljahr“ kann sich der Berufsautor sich also nicht einfach zurücklehnen und das Geld beim einfließen beobachten.

Behalten wir im Hinterkopf, dass ein Autor auch noch Geld mit Werken verdient, die er von 20 Jahren geschrieben hat, wenn er von so einem Werk in den ersten sieben Jahren durchschnittlich nur monatlich 200 € hat und in den folgenden Jahren monatlich nur 50 €, dann sind das auf 20 Jahre gerechnet: 25.200€ das ist verdammt viel für ein „verdammtes Dreivierteljahr“ Arbeit!

Zurück zu John Asht – dem geht nämlich ordentlich die Klammer:  „Die Piratenpartei hat keinen Plan, außer dass sie uns Autoren beklauen will. […] sie läuten den kulturellen Kahlschlag ein, indem sie die Kulturschaffenden ihres verdienten Lohnes berauben. Schämt euch, ihr Piraten! Und wer euch wählt, ist ein Riesenarschloch!“

Zum Thema „kulturelle Kahlschlag“ empfehle ich als Einstieg in die Thematik das Buch „Der Kulturinfarkt“.
Zudem: Der Begriff „Kultur“ hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Computerspiele sind Kultur. Hörbücher sind Kultur. Graffiti ist Kultur. Popmusik ist Kultur. Comics sind Kultur. Im Grunde ist alles Kultur, was ein Mensch schafft. Und ausgerechnet die „Kulturschaffenden“, die sich nicht durchsetzen, regen sich über ein System auf, das so veraltet ist, dass sie überhaupt nur die einzigen sind, die davon profitieren. Von Subventionen für Videospiele hätte ich jedenfalls noch nie gehört. Hör- und e-Bücher werden mit dem vollen Steuersatz belegt, während gedruckte für gedruckte Bücher nur der verringerte Steuersatz gilt. Musik-CDs gelten nicht als Kulturgut, Opernhäuser aber schon. Straßenkünstler verdienen mit ihrer Kunst zumeist überhaupt nichts!

Asht weiter:
„Hallo ihr Hirnis von der Piraten-Partei: Ihr wollt uns Autoren die musischen Werke klauen? OK, dann vögeln wir ab heute eure Weibsen und schicken sie euch frisch geschwängert zurück! Freiheit für alle!
Alimente zahlen? Nöö, von was denn, wenn ihr uns doch alles weg klaut!?
Schreibt euch doch gleich schon auf die Fahne, ihr Kulturvernichter: SOZIALHILFE FÜR ALLE!
Ihr seid wirklich das Letzte!“

Zur Information: Die Piraten sind tatsächlich für ein generelles Grundeinkommen.
Kulturvernichter? Vielleicht ist die Kultur, die Sie vertreten, Herr Asht, einfach inzwischen veraltet. Wissen Sie, wie das mit dem Jazz gelaufen ist? Er hat sich verändert, indem alte Stile durch radikal andere ersetzt wurden. Von der BigBand zum Beebop. Kultur, die die Menschen nicht (mehr) erreicht brauchen wir nicht! Zumindest brauchen wir keine Leute zu subventionieren, die noch nie ein Publikum hatten, wie Sie, Herr Asht!
Der ganze klassische Kulturbetrieb muss verändert werden. Wenn man statt fünf Theatern nur eins subventionieren würde, dann würde dieses Theater vielleicht großartige Dinge auf die Beine stellen können. Derzeit verteilen wir Gelder mit der Gießkanne und es reicht für niemanden.
Des weiteren: Niemand hat vor, Ihnen Ihr Werk zu klauen! Mir wäre neu, dass es eine Bücherpiraterie gäbe… Und selbst wenn: Wie bereits schon mal geschrieben, kann man keine Inhalte klauen, sondern nur unkontrolliert verbreiten. Niemand kopiert Ihren Text und schreibt seinen Namen drüber – das gibt es nur bei Doktorarbeiten und Fanfictions.

Und nochmal Asht:
“ Eines kann ich jetzt schon versprechen: Wenn die Piraten in den Bundestag einziehen sollten, wird ein großer Teil der Schriftsteller, Lyriker und Musiker, die zukünftlichen Werke nur noch vor exquisit zahlendem Publikum in elitären Clubs anbieten können.[…].“

Da sind wir wirklich erleichtet, dass Sie Ihre Werke künftig wegsperren wollen, Herr Asht! Also ich weiß jedenfalls schon, wen ich wähle…


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Comments

"Niemand kopiert Ihren Text und schreibt seinen Namen drüber – das gibt es nur bei Doktorarbeiten und Fanfictions."

Und auch da wird nur zumindest einigermassen gutes Zeug geklaut :D