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Dec. 2nd, 2016

AfD-Diskussionstaktiken

Habt ihr die letzte Maischberger-Sendung zum Thema „Lügenpresse" gesehen?

Also ich schon und mich hat die ganze Talkrunde ein wenig befremdet.

Da haben wir Ulrich Wickert, den erfahrenen Journalisten, der immer ein wenig einen auf fürsorglich macht und der mehr aus dem Nähkästchen plaudert als wirklich zu diskutieren. Er hält sich wohl für erhaben über Vorwürfe und Kritik...

Dann ist da ein gewisser Herr Joachim Radke, der bei Pegida mit spaziert und manchmal auch ein bisschen verschämt „Lügenpresse" murmelt. Als... naja sich moderat gebendes AfD-Mitglied soll er hier für den verunsicherten Bürger stehen, der seine Sorgen und Nöte endlich mal zur besten Sendezeit über den Äther schicken darf – als Beweis oder als Alibi für die Unabhängigkeit der Medien... das muss jeder selbst bewerten.

Oh, und natürlich darf Sascha Lobo nicht fehlen, der anscheinend der einzige netzaffine Journalist der Nation ist... oder der einzige, der den Shitstorm aushält, den seine Auftritte regelmäßig in den sozialen Netzwerken auslösen. Er gibt sich gerne intellektuell. Ob er es ist, ist schwer zu sagen, denn er schafft es ja offensichtlich nicht, die Menschen von seinen Positionen zu überzeugen. Außerdem tappt er gerne in Argumentationsfallen und wirkt manchmal arrogant. Das Problem ist: Natürlich soll und will er sich nicht dümmer stellen, als er ist.

Irgendein Wissenschaftler sitzt dann da noch zur Dekoration, denn wirklich zu Wort kommt er nicht und was er sagt, hat im Grunde wenig mit den Streitpunkten der Diskussionsrunde zu tun.

Vera Lengsfeld hingegen, scheint auf Krawall gebürstet, aber leider auch unglaublich schlecht vorbereitet zu sein. Sie poltert munter drauf los und klagt die etablierten Medien an, um dann mit einem einzigen Satz kaltgestellt zu werden: Denn sie selbst verbreitet Falschmeldungen und korrigiert sie dann nicht mal. Ihre Glaubwürdigkeit nimmt dadurch merklichen Schaden.

Warum erzähle ich euch das?

Ich würde gerne auf Argumentationsmuster eingehen, die derzeit gerne vor allem von AfD-nahen Personen, Medien und Organisationen verwendet werden und erklären, warum sie erstens funktionieren und zweitens unlauter sind. Und unser Herr Radke ist dafür ein Paradebeispiel.

Folgt man dem Hashtag zur Sendung auf Twitter, so stellt sich heraus, dass Herr Radke im Gegensatz zu Herrn Lobo wesentlich mehr Sympathiepunkte sammelt. Das fand ich erstaunlich, denn für mich war Radke der schwächste Diskutant der Runde – was nicht weiter verwunderlich ist, denn er ist natürlich kein Medienprofi. Es sei ihm also verziehen, wenn er ein bisschen plump wirkte.

Nichts desto trotz bedeutet Plumpheit nicht Dummheit. Mit Plumpheit kriegt man die Leute, die die Nase voll von arrogantem Gewäsch à la Lobo haben, die von oben herab und besserwisserisch erklären wollen. (Übrigens: Die Leute, die von Sascha Lobo genervt sind, sind die gleichen, die den Ausdruck „Mansplaining" lächerlich finden, weil: Wie kann es schlecht, sein, wenn einer was erklärt? Ist doch nur hilfreich...)

Und das ist die Masche der AfD. Es ist ein konstantes Messen mit zweierlei Maß und dabei die „Sprache des Volkes" sprechen. Eliten werden abgelehnt. Wir sollen das Gefühl haben, dass das alles so Leute sind wie wir, weil: "Wenn die es so weit bringen, dann können wir das auch schaffen!"

Das ist Punkt eins der Taktik. Punkt zwei ist es, die Deutungshoheit über die eigenen Aktionen zu bekommen und zu behalten.

Frau Maischberger behauptet, Herr Radke sei bei Pegida „mitmarschiert", woraufhin der reklamiert, das Wort „Marschieren" impliziere bereits eine negative Einstellung Pegida gegenüber.

Das ist in zweierlei Hinsicht interessant:

1. Ist es normalerweise genau das Klientel der AfD und Pegida, die Dinge wie Political Correctness ablehnt und glaubt, jeder müsse alles sagen dürfen, damit die Meinungsfreiheit gewahrt bleibt. Offensichtlich gilt das aber nicht für die eigene Gruppe. Hier nimmt man plötzlich wahr, dass Wörter unterschwellige Bedeutungen haben können. Und das ist natürlich nicht neu. Pegida arbeitet von Anfang an damit und nennt ihre Demonstrationen „Abendspaziergänge" – ein eindeutiger Euphemismus. Die wissen also sehr genau um die Wirkung von Formulierung und sie wissen auch ganz genau, wozu die Abschaffung der angeblichen Political Correctness führen wird: Sehr viel mehr Möglichkeiten, sehr viel schrillere Parolen unter die Leute zu bringen. Es geht nicht um Meinungsfreiheit, das ist nur ein Vorwand. Es geht darum, das Korsett des Sagbaren zu erweitern, in eine Richtung, die einem selbst zupass kommt. Das wäre auch in Ordnung, wenn man konsequent bliebe und dann eben auch (beleidigende) Kritik bei sich selbst zuließe. Aber man hat ja sogar schon bei dem Wort "marschieren" Probleme... Wenn einer "Nazi" sagt, kriegen sie einen Blutsturz, beim Wort "Neger" sieht man das hingegen nicht so eng. (Konkret: Die Forderung nach Aufhebung angeblicher Sprechverbote ist nicht meine - ich glaube nicht, dass es Sprechverbote gibt, es gibt nur einen common sense, der bestimmte Ausdrücke vermeidet und gemäß der Meinungsfreiheit kritisiert -, aber ich halte sie grundsätzlich für legitim, wenn man dabei nicht heuchlerisch argumentiert.)

2. Nimmt sich Herr Radke hier heraus, Frau Maischberger den Mund zu verbieten und sich das alleinige Recht für eine Bewertung seiner Aktion anzueignen. Frau Maischberger scheint das aber nicht als Kalkül zu verstehen und entschuldigt sich tatsächlich, statt diese Unverschämtheit abzuwatschen. (Wir werden später sehen, dass Entschuldigungen und Eingeständnisse von Fehlern zu fordern, selbst aber nicht zu liefern, ebenso Taktik ist...) Denn natürlich haben die Medien auch die Aufgabe, Dinge einzuordnen und Bewertungen anzubieten. Das ist Pluralismus. Es gilt nicht nur, was man selbst von sich denkt, sondern auch das, was andere von einem denken. Die Medien haben eine Kontrollfunktion und ich finde, dass in den letzten Monaten Pegida und die AfD oft mit Samthandschuhen angefasst werde, weil man große Angst davor hat, im Netz einen Shitstorm zu ernten.

Etwas ähnliches finden wir auch immer dann, wenn Leute, die eindeutig rechte Positionen vertreten, verlangen, man solle sie nicht in die rechte Ecke stellen. Sie verlangen, dass man ihnen keine negativ konnotierten Bezeichnungen gibt, lästern aber selbst gerne über "links-grün-versiffte Gutmenschen". Es soll also niemand über sie urteilen, sie selbst nehmen es sich aber heraus, alle anderen in Schubladen zu stecken.

Radkes Taktik geht auf, denn er fährt eine Strategie, die man aus Donald Trumps Wahlkampf kennt: Entschuldige dich für nichts, gestehe keine Fehler ein, feuere aus allen Rohren auf die anderen!

Punkt eins: Sich nicht entschuldigen bedeutet, keine Schuld und keine Fehler einzugestehen und somit zu suggerieren, dass man nichts falsch macht und nur Opfer einer Kampagne geworden ist. Man gibt sich stark und selbstbewusst. Herr Radke wird auf den Pegida-Galgen angesprochen und statt zuzugeben, dass hier jemand aus der eigenen Gruppe Scheiße gebaut hat, kommt er mit einem Ablenkungsmanöver: Aber, aber bei der TTIP-Demo...

Jeder differenziert arbeitende Journalist muss an dieser Stelle das tun, was Sascha Lobo getan hat: Er geht in die Falle. Ja, es ist schlimm, dass auch auf anderen Demos solche Dinge passieren. Und auch Frau Maischberger entschuldigt sich für das Wort "marschieren". Wer differenziert, muss erklären und wer erklärt, verliert Zuhörer, weil Zuhörer passiv bleiben müssen. Niemand will lange, uneindeutige Positionen erklärt bekommen, wenn auch eine Parole gegeben werden kann, die man aktiv weiter verbreiten kann und bei der man nicht viel nachdenken muss, um sie zu verstehen. Eine unbequeme Diskussion abzublocken, indem man auf die Verfehlung eines anderen verweist, lässt einen Oberwasser gewinnen. Es ist ein Gegenangriff, eine Ablenkung wie gesagt. Aber, aber die TTIP-Demo... Aber, aber die linksextreme Gewalt... Aber, aber die kriminellen Flüchtlinge...

Aber darum geht es nicht. Wir reden hier nicht über die TTIP-Demo. Wir reden über Pegida, und nur weil andere etwas Ähnliches machen, legitimiert das nicht die eigene Scheiße. Ein Kindergartenkind argumentiert so: „Aber, aber die Anna hat das auch gemacht!" Ja und? Nur weil Jack the Ripper reihenweise Frauen ermordet hat, sind nicht plötzlich Frauenmorde etabliert oder gesellschaftlich akzeptiert.

(Achtung: Ablenkung bedeutet nicht Relativierung. Relativierung und Vergleichen kann sinnvoll und nützlich bei der Einordnung und Bewertung eines Sachverhaltes sein. Ablenkung hingegen will verhindern, dass Sachverhalte bewertet werden. Wer den Galgen bei Pegida kritisiert, muss natürlich auch die Guillotine bei der TTIP-Demo kritisieren. Gar keine Frage. Radke geht es hier jedoch nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, die eigenen Leute durch einen Gegenangriff zu schützen. Von anderen wird Selbstkritik gefordert, man selbst will sie aber nicht ohne weiteres geben - und wenn man sie nicht selbst geben muss, ist es am Ende auch egal, ob die anderen Selbstkritik üben, Hauptsache man selbst kommt sauber aus der Nummer wieder raus.)

Wenn Radke von seiner Sache, seinen Pegida-Demos überzeugt wäre und glauben würde, dass die Sache, für die Pegida steht, stark, wichtig und richtig ist, hätte er den Galgen ohne weiteres kritisieren können, statt ihn kleinzureden. Er hätte sagen können: „Ja, das war ein Fehler, aber unsere Organisation steht für etwas anderes." Das hat er nicht getan, weil er genau weiß: Pegida funktioniert nur über den Tabubruch. Ohne Provokation laufen Pegida die Leute weg, denn die kommen nicht wegen der Inhalte oder der Überzeugung, sondern weil sie es denen da oben mal ordentlich zeigen wollen.

Sich zu entschuldigen passt nicht in dieses Weltbild von Provokation und Proletenhaftigkeit.

Ein weiteres Ablenkungsmanöver ist es, als Radke plötzlich anfängt, über Politik zu schwadronieren. Die Parteien seien sich alle zu ähnlich geworden und es sei ein Vakuum auf der rechten, konservativen Seite entstanden, das nun die AfD fülle. Ich widerspreche ihm inhaltlich vehement, aber das tut ebenfalls nichts zur Sache, denn wir reden hier nicht über Politik und Parteien sondern über die Medien.

Sich nicht an Themen halten, Fragen zu ignorieren und einfach irgendwas erzählen, das populär klingt, füllt das Vakuum der Inhaltsleere. Man drückt sich vor Antworten, aber auch vor Rechtfertigungen, man negiert einfach die Relevanz der Frage.

Punkt zwei: Fehler einzugestehen bedeutet, Schwäche preiszugeben und Angriffsfläche zu bieten. Angriffe kann man sich aber nicht leisten, denn man weiß: Hinter der Fassade von Parolen und Behauptungen steht nichts. Also darf man Kritiker nicht zu sehr an sich heran lassen. Alles wird sogleich abgebürstet. Zur Not mit persönlichen Beleidigungen. So wirft Radke Lobo an den Kopf, er würde „versuchen sich permanent intellektuell zu überhöhen". Das ist kein sachliches Argument und hat nichts mit der Thematik zu tun. Trotzdem findet die Netzgemeinde das toll, weil es so einfach, so pauschal, so... von unten gegen das Establishment ist. In Wirklichkeit ist es ein Offenbarungseid. Da kann jemand der Diskussion nicht mehr folgen, hat keine Argumente mehr oder fühlt sich ertappt, deshalb versucht er, den anderen bloß zu stellen, indem er die Artikulation seiner Aussagen, nicht aber deren Inhalt lächerlich macht. Das ist ganz arm.

Punkt drei: Wenn man alle angreift – egal, ob es begründet ist oder nicht – bleibt am Ende irgendwas hängen wie beim pawlowschen Hund. Behauptungen werden nicht belegt, aber das ist egal, sobald sie in der Welt sind, verbreiten sie sich und kreieren eine gefühlte Wirklichkeit. Vera Lengsfeld nimmt keine ihrer falschen Behauptungen zurück, sondern geht selbst immer wieder zum Angriff über. Belegen kann sie nichts, aber der Vorwurf ist da, irgendwas wird schon dran sein, denkt man sich. Jetzt seien die anderen am Zug, impliziert sie und lehnt sich zufrieden zurück.

So funktioniert das, was man neumodisch „alternative Medien" nennt und Herr Radke zählt sie selbst auf: AchGut, Tichys Einblick, Junge Freiheit... All diese Seiten bieten keinen echten Journalismus, sondern einzig und allein Meinungen. Es sind Blogs, keine Nachrichtenseiten. Es ist erschütternd, dass ein Mensch, dessen Lieblingswort „differenziert" zu sein scheint und der sich neutralere Berichterstattung wünscht, sich seine Informationen aus Blogs zusammenklaubt und sich daraus ein Weltbild baut.

Sascha Lobo fasst es zusammen: Ein etabliertes Medium, zum Beispiel eine Zeitung wie die SZ, die FAZ oder die Welt, haben eine bestimmte Leserschaft. Die SZ richtet sich eher an links orientierte Leser, die FAZ und die Welt an bürgerliche und konservative. Auch wenn sie in ihren Kommentaren bestimmte Themen eher auf eine bestimmte Weise färben werden, wird früher oder später auch versucht werden, die andere Seite zu beleuchten. Das macht man, weil es sich für ordentlichen Journalismus gehört, umfassend und differenziert zu berichten und man seine Leser für klug genug hält, so etwas zu erwarten, wertzuschätzen und anzuerkennen.

Die sogenannten „alternativen Medien" – sprich die obengenannten Meinungsblogs – bieten keine Differenzierung. Die beleuchten Themen immer nur aus einer Perspektive, denn die wollen nicht informieren, sondern schreiben vor allem mit einer gehörigen Menge Wut im Bauch gegen alles Etablierte, was ihnen gegen den Strich geht. Fakten werden nicht benutzt, um aufzuklären, sondern um Emotionen zu legitimieren. Man fühlt sich gut, wenn man von einer vermeintlichen Nachrichtenseite bestätigt bekommt, dass die eigene Wut angemessen ist.

Jeden anzugreifen, der einem unangenehme Fragen stellen könnte – am besten noch mit einer persönlichen Beleidigung, die das Publikum amüsiert und vom Thema ablenkt -, verleiht in gewissen Kreisen Glaubwürdigkeit: Hier engagiert sich jemand wirklich. Hier kämpft jemand. Hier lehnt sich jemand auf. Es ist nicht so sehr wichtig, wie valide ein Vorwurf ist, er muss nur schmissig rüber gebracht werden. Donald Trump hat einmal einer Journalistin unterstellt, sie würde nur deshalb so kritische Fragen stellen, weil sie ihre Tage hätte und deshalb nicht klar denken könne. Da lacht der Chauvi und die eigentliche Frage und das Beharren auf einer Antwort ist vergessen.

Gerne genommen ist auch: „Du stilisiert dich zum Opfer!" Zuerst wirft Lobo das Radke vor – etwas aus der Luft gegriffen, wie ich finde – später sagt es Radke zu Lobo.

Dieser Vorwurf ist ein Totschlagargument, denn er impliziert, dass jemand keine Verantwortung für die eigenen Entscheidungen treffen will und deshalb ohnehin unmündig ist, weil er sich selbst dazu macht.

Wer sich wirklich zum Opfer stilisiert (zum Beispiel, indem er behauptet, systematisch falsch verstanden, falsch zitiert oder mit gemeinen Vokabeln wie „marschieren" belegt zu werden), spekuliert auf Mitleid. Das gilt für Rechte, wie auch für Linke. Wer sich aus einem Diskurs entziehen will, behauptet einfach, der andere hätte nicht genug Grips einem angemessen zu begegnen und verbittet sich kritische Anmerkungen. Auffällig ist, dass, wenn man sich selbst in einer Notlage wähnt, man die Gesellschaft verantwortlich macht, die Notlagen anderer sind jedoch immer selbstverschuldet und beruhen auf mangelndem Anpassungswillen.

Kurz: „Alle sollen sich gefälligst an mich anpassen, dann wird alles gut!"

So richtig klug geworden ist man nach der Sendung nicht. Filterblasen – das größte Problem in dieser Thematik – werden nur kurz angerissen. Auch die Filterblase ist ein solches Totschlagargument, mit dem man Leuten unterstellt, sie seien „nicht richtig" informiert. Ob jemand in einer Blase hockt, muss man im Einzelfall nachweisen. Dennoch sollte man vor der Gefahr warnen, denn Lippenbekenntnisse, wie das von Herrn Radke, der seine „differenzierte Weltsicht" aus einer kritischen Betrachtung sowohl der etablierten als auch der alternativen Medien zieht, kann ich kaum ernst nehmen, denn es kommen von ihm keine stichhaltigen Argumente, kein Eingeständnis der Problematik von Falschmeldungen, keine Nachweise für seine Behauptungen. Viel mehr hat man das Gefühl, dass er nachplappert.

Am Ende befinden sich hier alle auf einem hohen Ross und keiner ist davon herabgestiegen. Denn: Inzwischen haben sie es doch alle verstanden: Wer einem Menschen mit anderer Meinung einen Punkt zugesteht, dessen Position ist nicht gefestigt und kann untergraben werden mit all den oben genannten Methoden zuzüglich eines Shitstorms durch die aufgebracht trollende Anhängerschaft. Deshalb traut sich niemand, den anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie alle haben Vorurteile gegeneinander, manche erweisen sich als berechtigt, manche nicht. Differenziertheit bedeutet heutzutage Schwäche und obwohl alle sie fordern, werden diejenigen, die sie tatsächlich liefern, dafür ausgelacht.

Vielleicht achtet ihr in Zukunft bei Diskussionen mit PegidAfD-Leuten mal darauf, ob euch die hier aufgeführten Argumentationstaktiken auffallen.

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Sep. 4th, 2016

Ich muss euch noch eben sagen, was ihr wählen sollt!

Als notorische Trittbrettfahrerin möchte ich euch, bevor ihr vollkommen verwirrt und unkundig in den Wahlkabinen steht, noch kurz erklären, wen ihr gefälligst zu wählen hab, wenn ihr wahlberechtigt seid.

Wisst ihr, es nervt. Was bringt es, den Leuten zu erklären, wen sie nicht wählen sollen? Diejenigen, die diese oder jene Partei ohnehin nicht wählen, werden euch applaudieren, aber die müsst ihr nicht überzeugen und diejenigen, die vorhatten, diese oder jene Partei zu wählen, fühlen sich durch euer Engagement eher angestachelt als erleuchtet.

Der gemeine Protestwähler ist stur. Wenn ihr ihm sagt: „Wählt das nicht!“ wird er es mit noch mehr Überzeugung tun, weil ihr ihm (in seiner vielleicht hasserfüllten Verblendung) bewiesen habt, dass es in diesem Land eine Meinungspolizei gibt, die ihm den Mund verbieten will.

Mehr noch: Ihr fördert den „Wir gegen die“-Gedanken, der all jene zusammenschweißt, die irgendwie die Schnauze voll haben. All der unsachliche Gegenwind, die Straßenschlacht-Atmosphäre sorgt dafür, dass die sich enger zusammenschließen, gegen die ihr so energisch vorgeht.

Das Problem ist: Die Stimme eines Protestwählers ist genau so viel wert wie jedes anderen Wählers, der eine Partei wählt, die euch genehm ist und deshalb sollte man sich Wahlempfehlungen einfach verkneifen!

Was kann man aber stattdessen tun, wenn man um die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Landes besorgt ist?

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Aug. 30th, 2016

Popmusik analysiert: Philipp Leon "Auf und Ab"

Kennt ihr Philipp Leon Altmeyer? Nein? Auch nicht schlimm.

Also der Typ war mal bei irgend so einer Castingshow, hat nichts gerissen und ist in der Versenkung verschwunden. Weil er aber zufällig aus der Gegend kommt, in der ich wohne, promotet das lokale Radio seinen neuen Song, der den Titel „Auf und ab" trägt.

Könnt ihr alles gleich wieder vergessen – nachdem ich ein wenig über den Songtext garantet habe.

Die Radiowelt der Deutsch-Pop-Jünglinge ist voller Scheißtexte, aber das hier schießt dann doch den Vogel ab.

Philipp Leon Altmeyer schreibt auf seiner Facebook-Seite, es handele sich um einen Song über „Freiheit und Mut zum Loslassen".

Wollen wir doch mal sehen, ob das ankommt...

„Ich bin auf der Suche, der Suche nach mir"

Okay, das ist Selbstfindungsblabla... Man befindet sich nicht auf der „Suche nach sich", sondern man „ist man selbst" und muss dafür sorgen, dass man einigermaßen zufrieden mit sich ist. Man probiert vielleicht hier und da Neues aus, sucht nach Dingen, die zu den persönlichen Neigungen passen, feilt an deiner Persönlichkeit, aber „man selbst sein" ist immer noch Arbeit, die man mit und an sich verrichten musst und nichts, was man suchen und irgendwo fix und fertig finden kann.

Oh, der Weg ist das Ziel werdet ihr sagen... Nein, das Ziel ist das Ziel und der Weg ist der Weg.

„Hab mich verlor'n, ich find mich nicht mehr"

Das ist pseudo-deeper Schwachsinn – es sei denn du hast Alzheimer. Man kann unzufrieden mit sich sein, das heißt aber nicht, dass man nicht mehr man selbst ist. Man ist dann nur halt eben ein Arschloch oder ein Feigling oder was auch immer einen an sich selbst stört.

„Die Welt ist so groß, es gibt so viel zu sehen"

Das könnte aus einem Kinderlied stammen. Es könnte auch auf einem Abreißkalender stehen – aber wahrscheinlich wäre das sogar einem Kalenderautoren zu nichtssagend. Zumal dieser Satz mit den vorherigen irgendwie gar nichts mehr zu tun hat, es sei denn hier geht es wirklich um „Der Weg ist das Ziel".

„Verschließe die Augen, lauf blindlings durchs Leben"

Und an der Stelle wird es gefährlich. Oder meint er das selbstkritisch? Wir werden sehen, dass es eine einfache Darstellung ist und er keinerlei Ambitionen hat, sein Lebensweise zu ändern. Jedenfalls karikiert diese Zeile die vorherige: Es gibt was zu sehen, aber ich laufe blind herum. Ja, kein Wunder, dass du dich nicht findest, Dämlack!

„Verrückt, was die Welt so mit uns macht, gibt uns den Mut, doch nicht die Kraft"

Die Kraft, die Augen aufzumachen und der Realität ins Auge zu blicken? Was bist du für ein Schwächling? Meine Theorie lautet: Er hätte durchaus die Kraft, aber er ist ein Feigling, der eine Schwäche vortäuscht, um nicht auf seine Fehler festgenagelt zu werden.

Übrigens: Natürlich „macht die Welt" hier alles. Unser Protagonist ist ein Passivling, der rein gar nichts selbst auf die Beine stellt – kein Wunder, dass er keine Persönlichkeit hat. Er sucht nach etwas, das er selbst brach liegen lässt. Er ist nicht nur feige, sondern auch faul und ein Jammerlappen!

„Ich kenn dieses Auf und Ab und ich lass es einfach zu"

Ein Lied über Freiheit ist in seinen Augen also auch ein Lied über Passivität. Und Mut zum Loslassen ist dann wohl die Feigheit, etwas nicht festzuhalten. Ich meine: Zuerst beschwert er sich und dann gibt er zu, gar nichts gegen den Missstand in seinem Leben unternehmen zu wollen. Was ist das hier für eine Message? Hey Leute, ihr könnt eh nichts tun, also lasst einfach mal alles geschehen!

Es folgt der Refrain:

„Und ich geh, wohin der Wind mit trägt / Und ich weiß, es ist nie zu spät / Auch wenn der Wind sich dreht / Und mir entgegenweht / Halt ich fest / An seinem Weg"

(Ja, auf SEINEM Weg... nicht auf MEINEM Weg. Bezeichnend!) So. Ein Fähnchen im Wind. Man hält fest am Loslassen. Und wenn ich Gegenwind bekomme, schließe ich mich seiner Richtung einfach an und drehe und wende mich, wie es ihm gefällt. Das hier, liebe Freunde, ist ein Lobpreis des Opportunismus und nicht der Freiheit!

Oh, natürlich geht es dem Opportunisten immer gut, weil er sich anpassen kann, aber dann soll er sich nicht beschweren, dass er „sich selbst nicht findet"! Was wird hier jungen Popmusik-Fans beigebracht? Lass dich treiben! Lass andere über dich entscheiden! Geh mit, wenn die Masse sich bewegt! Denk nicht nach, folge dem Wind, egal aus welcher Richtung er kommt! Scheiß auf Integrität! Ist viel zu anstrengend!

Und was die Zeile „es ist nie zu spät" hier soll, verstehe ich nicht.

Wisst ihr... der Song hätte Josef Goebbels sicher gut gefallen...

Zweite Strophe:

„Ich bin immer noch getragen von ihm, ich lass endlich los, es ist fast so wie Fliegen"

Und jetzt sollte man vielleicht spätestens mal fragen, was zu Geier er denn jetzt loslässt? Den Alltag? Den Stress? Sein soziales Gewissen? Den Druck, ein möglichst guter Mensch zu sein, mit dem er selbst zufrieden sein kann? Ist das hier eine Anleitung zum Arschloch-Werden? Und glaubt mir: Arschloch zu sein fühlt sich kein bisschen an wie „Fliegen"!

„Ich lass mich einfach treiben in der Schnelllebigkeit"

Oh, schon wieder der Mist: Die Gesellschaft ist so schnelllebig und ich entschleunige, indem ich einfach mal auf meinen Charakter scheiße.

Aber hey, vielleicht ist der Text auch total metaphorisch gemeint: Ich löse mich von materiellen Zwängen, nur dass – und es schmerzt mich unheimlich das zugeben zu müssen – die schreckliche Band „Silbermond" zu dem Thema bereits das weit bessere Lied (nämlich „Leichtes Gepäck") geschrieben hat, dessen Sinn man verstehen kann, ohne durch einen Haufen Allgemeinplätze zu schwimmen.

Zumal: Natürlich ist „sich treiben lassen" absolut keine Lösung für das gesellschaftliche Stressproblem, den Erwartungs-, Wettbewerbs- und Leistungsdruck darstellen. Und ich nehme es dem Philipp auch nicht ab, dass er nach seiner eigenen Philosophie lebt, denn wer „sich treiben lässt", der produziert keine Popmusik, die darauf ausgelegt ist, in Heavyrotation im Radio zu laufen und mit der er hausieren gehen möchte.

„Das ist der Lauf der Dinge in unserer Zeit"

Was das Treiben-Lassen oder die Schnelllebigkeit? Ist das jetzt ein Hauch von Sozialkritik? Nachdem er vorhin noch für den Opportunismus plädiert hat? Will der uns verarschen oder weiß der selbst nicht, was er da singt? Davon abgesehen: Wenn dir der Lauf der Dinge nicht gefällt, solltest du versuchen, das Problem anzusprechen und eine Lösung zu finden, von der mehr Leute profieren als nur du selbst! Och ja, so ist das halt heutzutage, kann man nichts machen... Wenn alle so denken, werden wir bald von Pegida regiert!

„Verrückt, was die Welt so mit und macht, nichts ist geplant, nichts ist durchdacht"

Ja, den Eindruck habe ich sehr stark!

Nur: Nicht die Welt ist dran schuld, dass nichts geplant und nichts durchdacht ist, sondern du, weil du nicht geplant und nicht gedacht hast! Aber vielleicht findest du es ja toll, das Opfer von irgendwelchen höheren Mächten zu sein, die du „der Wind" oder „die Welt" nennst. Werd doch mal konkreter: Wer nicht plant oder denkt, der wird rumgeschubst von Leuten, die das Planen und Denken an seiner Stelle übernommen haben: Regierungen, Wirtschaft, Medien... Will man sich wirklich von denen bestimmen lassen? Frei sein zum Preis der... naja Freiheit. Das hier ist ziemlich orwellianisch, wenn man es sich überlegt: Ein Lied über die Freiheit, die man erlangt, wenn man seine Freiheit aufgibt? Wer nicht mehr unter dem Zwang zu denken steht, der fühlt sich gleich viel besser... Ja, er fühlt sich besser, aber geht es ihm auch besser? In 1984 lautet ein Wahlspruch „Freiheit ist Sklaverei" und ich glaube, dem schließt sich unser Philipp hier an.

Dann kommt noch mal der Refrain und ein paar Uhs und Ahs und dann ist der Song auch schon zu Ende.

Was bleibt, ist der fade Beigeschmack eines mehr als generischen Popsongs... Es ist ein Gleichschaltungs-Popsong unter dem hippen Mantel des Gedanken „Freiheit von Verantwortung ist die beste Freiheit!" – nur dass „Freiheit von Verantwortung" eben gleichbedeutend mit Sklaverei ist.

Warum schreibe ich das alles überhaupt? Weil ich mir wünsche, dass Leute mehr auf die Texte achte, die ihnen tagtäglich um die Ohren gehauen werden, als wären sie bedeutungslos.

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Jul. 22nd, 2016

Alle Positionen sind scheiße

Was mich aufregt: Der Glaube, es gäbe immer nur zwei Positionen und man müsste sich für eine davon entscheiden. Denn, wenn man das tut, sitzt man in der Falle. Man wird nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern als Zustimmer, den man eingliedern muss in die eigenen Reihen oder als Ablehner, den man bekämpft.

Da gab es also einen Putschversuch in der Türkei kürzlich und jetzt muss man sich entscheiden: Ist man für Erdogan oder für das Militär. Es scheint absolut nicht dazwischen oder daneben zu geben. Ist man für den Putsch, nennen sie einen einen Antidemokraten. Ist man gegen den Putsch, nennen sie dich einen Islamisten.

Es geht vollkommen das Gespür für differenzierte Ansichten verloren, weil alles schnell auf den Punkt gebracht werden muss, weil Leser, Zuhörer oder Zuschauer kaum noch Aufmerksamkeit übrig haben, bei all den Pokemon, die gejagt werden müssen… was weiß ich.

Jedenfalls finde ich beide Seiten scheiße und werde dafür von beiden Seiten wahlweise angefeindet oder vereinnahmt.

Ich finde Erdogan, seine Partei, seine Ansichten, was er mit der Türkei gemacht hat und wohl vorhat noch zu tun, widerwärtig. Aber ich finde auch einen Militärputsch widerwärtig. Vergessen wir nicht: Das gleiche Militär, das Erdogan jetzt „säubern“ lässt, geht andernorts brutal gegen die Kurden vor, die ihrerseits ihren Terror gegen die Türkei wieder haben aufflammen lassen. Wer sind hier „die Guten“? Ich frage euch: Wen soll man in dieser Gemengelage unterstützen?

Das nur als ein Beispiel dafür, dass die Welt ein bisschen komplizierter ist als: Donald Trump oder Hillary Clinton.

Es gibt mehr als zwei Positionen. Wer immer euch etwas anderes erzählt, will euch zu irgendwas verführen.

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Jul. 10th, 2016

Das Kreuz mit der Demokratie

Demokratie. Oh, was für ein schönes, wohlklingendes Wort. Alles ist toll, wenn es demokratisch entscheiden wurde. Alles ist gut und richtig, wenn es nur das Label Demokratie hat.

So wie dieses Brexit-Referendum. Habt ihr von gehört? In einer beispiellos demokratischen Abstimmung haben etwas mehr als 50% der zur Wahl gegangenen Briten entschieden, dass ihr Land aus der EU austreten soll. Damit haben sie ihr Land von einem auf den anderen Tag ins Chaos gestürzt. Dass jetzt alle möglichen poltischen Führungskräfte, die irgendwie verantwortlich sind für die Propaganda-Schlammschlacht vom Vorfeld der Abstimmung, das sinkende Schiff verlassen, ist da nur eine Randnotiz und irgendwie symptomatisch für Populisten, die mit Verantwortung… eher nicht so gut umgehen können.

Lustig sind die Reaktionen in Deutschland. Aus den Reihen der Konservativen und derer, die es schon irgendwie geil finden, dass die Briten es sich endlich mal getraut haben, ihrem Unmut an der Wahlurne Luft zu machen, hört man: Das ist gelebte Demokratie! Niemand darf das Ergebnis in Frage stellen! Das Volk hat gesprochen! Großbritannien hat ja eine so lange demokratische Tradition, da dürfen wir mit unserer von dem Amis übergestülpten Demokratie uns keinen negativen Kommentar erlauben… Blah!

Die demokratische Tradition in Großbritannien ist so großartig und beispielhaft, dass bei der letzten Parlamentswahl offen überlegt wurde, das verkrustete und ungerechte Wahlrecht zu ändern und dem ausgerechnet deutschen anzunähern. Naja... Eigentlich ist diese Forderung sogar schon ein bisschen älter.

Das Volk ist in Großbritannien nicht der Souverän wie in Deutschland. Die letztendliche Entscheidungsbefugnis über den Brexit hat nach wie vor das Parlament (das sich dem Votum aber wahrscheinlich beugen wird muss… zugegeben).

Von der anderen Seite – also den Leuten, die das Ergebnis des Referendums irgendwie schon scheiße finden – hört man dagegen Unsäglichkeiten wie diesen Beitrag von Anja Reschke, die findet, dass man das Volk über wichtige Entscheidungen lieber nicht befragen soll, weil die ja alle doof sind… Äh… Hat die Frau sich eigentlich mal gefragt, warum die Leute angeblich alle so doof und uninformiert sind? Könnte es daran liegen, dass eventuell die Medien ihren Job nicht richtig machen, wenn die Bevölkerung kollektiv keinen Plan zu haben scheint? – Was ihre Aussage ist, nicht meine…

Tja, man hätte vielleicht doch lieber nicht fragen sollen, dann hätte man nämlich schön weiterwursteln können. Demokratie ist schon scheiße, wenn sie die Gefahr birgt, dass Idioten in Ämtern irgendwann für ihr Versagen die Quittung bekommen. – Übrigens, gerne mehr davon!

Die Frage ist aber: War dieses Referendum nun eigentlich demokratisch oder nicht? Keiner scheint das irgendwie zu bezweifeln und das irritiert mich ein wenig, denn ich finde, dass dieses fast 50:50-Ergebnis eine Verzerrung der Tatsachen darstellt. Ich glaube überhaupt nicht, dass da ein Riss durch Großbritannien geht. Die meisten Leute dort sind sich nämlich einig – so wie auch im Rest der EU – dass ebendiese EU dringend reformiert gehört, dass sie undemokratisch, intransparent und bürokratisch ist, dass die Bevölkerung(en) kein bis wenig Mitspracherecht haben, dass die nationalen Regierungen zu viel Einfluss nehmen, dass das ganze System aufgebläht und wenig funktional ist und dass Eigeninteressen immer noch größer geschrieben werden als gemeinsame Problembewältigung.

Aber das wurde nicht gefragt. Gefragt wurde: Wollt ihr raus oder wollt ihr drin bleiben?

Die Frustrierten haben also gesagt: „Wir glauben nicht an eine schnelle Demokratisierung, also brauchen wir den Mist nicht!“

Die Ängstlichen haben gesagt: „Joah, die Grundidee ist ja ganz nett. Es funzt nicht so wirklich, aber rausgehen, wäre halt schon gefährlich.“

Was wäre geschehen, wenn das Votum zu Gunsten von Remain ausgegangen wäre? Man hätte es als Bestätigung des Status Quo betrachtet und einfach so weiter gemacht.

Nun hat Leave gewonnen und in Brüssel rennen sie alle herum wie aufgescheuchte Hühner, reagieren pikiert bis beleidigt – aber über kurz oder lang wird es zu einer Demokratisierung der EU kommen müssen, wenn sie nicht auseinander fallen soll. Dementsprechend wäre das Leave-Votum ein Weckruf und eine Chance. Leider haben sich die Briten nun dafür selbst ins Messer geworfen…

Was ich sagen will, ist: Dieses Referendum war von Anfang an undemokratisch: Remain hätte bedeutet, dass das verkorkste EU-System bestätigt worden wäre. Leave gibt den Populisten die Legitimation für nationalistische Parolen und Parteiprogramme. Nigel Farage wäscht seine Hände in Unschuld. Die Bevölkerung ist schuld. „Demokratie“ enthebt also die selbsternennten Führungspersönlichkeiten jeglicher Verantwortung. Aber nicht in der Form, dass all diese Politiker nun ihre Posten loswerden… Oh nein. Die haben ihre Schäfchen im Trockenen.

Den Anschein von Entscheidungsmöglichkeit zu erwecken, um aber im Grunde nur die Bestätigung für etwas zu erheischen, das in jedem Fall scheiße ist, erachte ich nicht als Errungenschaft einer freiheitlichen Gesellschaft, sondern als Verblendungstaktik.

Ja oder Nein-Entscheidungen sind meistens zu kurz gegriffen. Sie beinhalten keinen Ausdruck für sachliche und konstruktive Kritik, sondern sind nur eine Bestätigung für bereits vorgefasste Pläne… Wobei natürlich in diesem Fall peinlicherweise nicht mal ein Leave-Plan vorliegt… Der Bürger darf eben NICHT mitsprechen. Er darf nur abnicken oder ablehnen. Warum und ob er vielleicht alternative Ideen bevorzugen würde, wird dabei nicht gefragt.

Der verblödete Bürger, den vielleicht auch Frau Reschke meint, ist nur deshalb blöd, weil man ihn nicht reden lässt, weil man ihm nicht die Möglichkeit gibt, sich einzubringen, weil man ihm suggeriert, es gäbe nur zwei Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden kann.

Auf einem echten demokratischen Wahlzettel hätte also in etwa sowas stehen müssen:

-          Ich bin mit der EU so zufrieden, wie sie ist!“.

-          Ich will in der EU bleiben, aber nur, wenn sie sich grundlegend ändert:

Und zwar wie folgt:

1. Ich finde, die EU sollte sich mehr zurück auf die Interessen der Nationalstaaten besinnen!

2. Ich finde, die EU sollte noch weiter zusammenwachsen und gemeinsame politische Ziele verfolgen – darin enthalten: eine einheitliche europäische Außen-, Steuer- und Sozialpolitik

-          Ich will die EU verlassen, weil ich keine Chance auf eine Reform sehe!

-          Ich will die EU verlassen, weil ich die Idee der EU schlecht finde!

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Jun. 4th, 2016

Über das Überspringen von Stöckchen

Weil ja jetzt jeder seine Meinung über Gauland und Boateng in die Welt gerotzt hat, fühle ich mich bemüßigt, als unangefochtene Stimme der Vernunft ein paar Worte darüber zu verlieren und damit hoffentlich das Thema abzuschließen… So ganz ohne Anmaßung.

Was ist passiert?

Gauland gibt der FAS ein Interview. Die Interviewer lassen irgendwie – wie und warum genau weiß man nicht – den Namen Boateng fallen und Gauland springt über das Stöckchen, indem er angeblich sagt: „Die Leute mögen ihn als Fußballer, aber als Nachbarn wollen sie ihn nicht haben.“ (Damit meinte er nicht, dass die Leute keine Fußballer als Nachbarn mögen, sondern ausländisch aussehende Menschen, dass die Deutschen eine (irrationale? begründete?) Angst vor vermeintlich Fremden hätten.)

Ob er es wirklich gesagt hat oder nicht, ist nicht mehr nachprüfbar, denn es ist nicht auf Band, sondern lediglich in den Aufzeichnungen der beiden Journalisten festgehalten.

Gehen wir aber mal davon aus, dass er es gesagt hat. Was bedeutet das nun?

Ist Gauland ein Rassist, weil er glaubt, dass die Deutschen Rassisten sind?

Klagt Gauland den Rassismus der Deutschen an?

Beschreibt er einfach nur die Realität?

Und hat er damit Recht?

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May. 31st, 2016

Ein paar Gedanken zu #VersteckDichNicht

Vor einiger Zeit ging auf Twitter der Hashtag #VersteckDichNicht um. Es ging bei dieser Aktion darum, autoaggressives Verhalten aus der Ecke der Tabuthemen zu zerren und Menschen zu ermutigen, ihre Narben öffentlich zu zeigen.

Ich verstehe die Intention, weiß aber nicht, ob das ganze so sinnvoll ist. Es gibt viele Missverständnisse das Thema SVV betreffend und so ein effekthascherischer Hashtag führt – so zeigt es die Erfahrung – nicht wirklich zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Thematik, sodass am Ende doch nur Halbwahrheiten hängen bleiben und nach zwei Wochen eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Wirklich über Ursachen und Wirkung von SVV haben wir dabei nicht gesprochen. Auch waren wir uns von Anfang an einig, dass SVV etwas schrecklich Krankhaftes ist, das man um jeden Preis unterbinden muss, weil es nicht konform geht mit dem, was man gemeinhin als wünschenswertes Verhalten betrachtet. Damit debattiert man vollkommen über die Köpfe der Betroffenen hinweg, nimmt sie und ihre Beweggründe nicht ernst und hat maximal ein bisschen herablassendes Mitleid für sie übrig. Na danke auch! Leckt mich, ihr Penner! Ich brauche diesen Scheiß nicht, denn ich bin durchaus ein rational denkender Mensch, den man nicht an die Hand nehmen muss. Eine psychische Kranheit macht einen nicht zum hilflosen, willenlosen Kleinkind. Ihr müsst diese Leute nicht bevormunden! Und am wenigsten brauchen sie Modelllebensentwürfe, die von euch vorgelebt und für gut befunden wurden!

Bemerkt ihr die Sturheit? Ganz genau das ist der Effekt, den Bevormundung immer auslöst!

Ein paar Leute zeigen selbstdarstellerisch ihre Narben und lassen sich dafür feiern, dass sie so mutig sind und über etwas zu sprechen wagen, über das sie dann doch irgendwie nicht sprechen. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter und sagt: „Ja, ich habe es geschafft, ich bin ein neuer, besserer Mensch, seit ich das SVV aufgegeben habe.“

Sie verkennen dabei drei wichtige Aspekte des Themas:

1.       Wer drin steckt im SVV, der versteckt sich nicht, weil die Gesellschaft, sich über seine Probleme lustig macht. Über diesen Punkt sind wir längst hinweg. Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind längst nichts mehr, wofür man belächelt oder angegangen wird. Das sind Volkskrankheiten und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer SVV an den Tag legt, versteckt die offensichtlichen Beweise, weil er sich aus ebenjener Debatte heraushalten will. SVV ist keine Krankheit und ein Symptom ist es nur aus Sicht des Therapeuten. Aus sich der Betroffenen ist es Therapie! SVV hilft. Es setzt biochemische Prozesse in Gang, die dazu führen, dass die Depression akut gemildert wird. SVV macht insofern in einem ähnlichen Maß abhängig wie Opiate. Die Vorstellung, dieses Verhalten wegtherapiert zu bekommen oder sich erklären zu müssen, löst Panik aus, weil es für Betroffene bedeutet, dass man ihnen ihr Ventil für Frust, Angst und Verzweiflung nimmt.

2.       SVV ist für viele Betroffene ein Teil der Persönlichkeit. Es weggenommen zu bekommen, bedeutet, einen Teil von sich zu verlieren und noch mehr Leere zu empfinden. Es bedeutet, „normal“ werden zu müssen, dabei hat man überhaupt keine Ahnung, wie man das anstellen soll. Andere Menschen, die offenbar nicht mit dieser speziellen Leere in Kontakt geraten, wirken fremdartig und ein derartiges Leben oft nicht attraktiv für Menschen mit SVV.

3.       SVV taucht so gut wie nie allein auf. Es steht so gut wie immer im Zusammenhang mit Depressionen, Angst- oder anderen Suchterkrankungen. Man kann nicht über SVV sprechen und die Ursachen außen vor lassen. Man muss die Depression behandeln, um das SVV in den Griff zu bekommen. Das Problem ist, dass viele Betroffene, sich ein Leben ohne Depression nicht vorstellen können, nicht wissen, dass ihrer Sucht, sich zu verletzen, eine behandelbare Depression zu Grund liegt oder sie glauben, ihre Depression über das SVV kontrollieren zu können.

Unter dem Hashtag wird so getan, als wäre es ein Zeichen von Stärke, seine Narben zu zeigen, als zeige man hier einen Teil von sich, stolz und zu sich stehend.

Jemand, der in der Logik des SVV denkt, sieht jedoch nicht jemanden, der es geschafft hat, aus einem Teufelskreis herausgekommen ist – auch wenn es natürlich genau so ist. Er sieht einen Menschen, der seine Persönlichkeit beschnitten hat, der sich angepasst hat, dem etwas abtrainiert wurde, das der Gesellschaft nicht passt, aber für ihn persönlich doch so wirksam ist. Was viele Menschen nicht verstehen, ist, dass SVV keine Belastung darstellt, sondern etwas, um die Belastung zu lösen.

Der Blick der Gesellschaft auf SVV ist ein Problem und wenn ehemalige Betroffene sich dieser Sichtweise anpassen, die besagt, dass SVV immer schlecht, immer krank, und immer schwach ist, dann erreicht man damit das genaue Gegenteil von dem, was man erreichen will: Die Betroffenen kommen nicht heraus und fangen plötzlich an, über ihre Probleme zu reden, sondern ziehen sich noch eher zurück, weil sie glauben, jetzt sei nicht nur die Gesellschaft gegen sie, sondern auch diejenigen, die sie eigentlich verstehen müssten. So wird die Entfremdung intensiviert! Sie fühlen sich missverstanden, weil von außen eben nur das SVV wahrgenommen und diskutiert wird, nicht aber die emotionalen, unsichtbaren Probleme.

SVV zu pauschal verteufeln ist der falsche Weg. Wir müssen den Leuten verständig machen, was Betroffene dazu antreibt, sich selbst zu verletzen. Selbstverletzungen halten stark depressive Menschen zunächst von Selbstmord ab. Den Drang, sich selbst zu verletzen, zu unterdrücken - ohne gleichzeitig die Depression zu behandeln -, richtet unter Umständen mehr Schaden an, als ihn vorerst zu akzeptieren. Wir müssen offen darüber diskutieren, was wir als „krank“ und „gesund“ definieren. Ein Mensch mit autoaggressivem Verhalten empfindet womöglich die Gesellschaft als krank, weswegen nur der Kranke darin wirklich gesund sein kann, während derjenige, der als gesund gilt, sich womöglich nur besonders gut an ein krankes System anpassen kann, was jedoch noch lange nicht heißt, dass er auch glücklich oder für Gesellschaft und Umwelt nützlich ist. SVV geht oft auch mit dem Unwillen, sich anzupassen, einher. Auch das muss einkalkuliert werden. Einen Menschen seiner Persönlichkeit zu berauben, macht ihn nicht automatisch glücklich, auch wenn er dadurch vielleicht "funktioniert".

SVV ist, wie oben bereits angeklungen, eine Sucht. Die Gefahr, die darin besteht, ist nicht, dass man hässliche Narben zurückbehält, sondern, dass die ohnehin gestörte Hirnchemie des Depressiven noch weiter gestört wird. Mit SVV setzt man Endorphine, Dopamin und Serotonin frei, was eine akute Verbesserung der Gemütslage bewirkt. Setzt jedoch – wie bei jeder Droge – ein Gewöhnungseffekt ein, werden massivere Verletzungen nötig, um auf das angestrebte Level zu kommen. Im Endeffekt kann das SVV also die Depression sogar verschlimmern - und das ist der Grund, warum eine Therapie gemacht werden sollte - nicht die hässlichen Narben!

Depressionen sind Störungen in der Hirnchemie, die medikamentös behandelt werden können und auch ein SVV unnötig werden lassen. Wir sollten aufhören, auf diese gefühlsduselige und pathetische Weise über Depressionen und ihre Effekte zu reden.

Wer sich also nicht mehr selbst verletzt, kämpft? Und wer sich noch selbst verletzt – kämpft der etwa nicht? Ich finde diese Rhetorik äußerst kontraproduktiv. (Genauso wie das Verb „kämpfen“ im Rahmen einer Krebserkrankung übrigens… Es suggeriert immer irgendwie, dass derjenige, der stirbt, einfach nicht genug gekämpft hat und deshalb selbst Schuld am Versagen seiner Therapie ist.)

Wer sich therapieren lässt, der kämpft nicht allein, sondern hat sich professionelle Hilfe geholt. Wer sich aber weiterhin selbst verletzt (oder rückfällig wird), der ist verdammt allein in seinem Kampf – nicht gegen das SVV, sondern gegen eben diese empfundene Leere, die verstärkt wird, wenn man mit Einsamkeit und Entfremdung konfrontiert wird. Das SVV ist ein (vermeintlicher) Verbündeter, nicht der Gegner dieser Betroffenen. – Etwas, was viele Außenstehende auch im Zusammenhang mit Essstörungen nicht verstehen wollen. Die Magersucht beispielsweise wird von Magersüchtigen nicht als Gegner betrachtet, sondern als Weg zu einem Ziel, als Möglichkeit, Glück zu empfinden, indem man Kontrolle über sich selbst ausübt. Behandelt werden muss die zugrunde liegende Störung, nicht primär die Nahrungsverweigerung – wenn der Gewichtsverlust nicht schon lebensgefährlich geworden ist.

Kontrolle und Zwänge sind das Stichwort. Viele von SVV betroffene Menschen legen auch Zwangsstörungen und krankhaften Perfektionismus an den Tag. Ihnen unter die Nase zu reiben, was sie doch für Versager sind, dass ihre Narben nicht so tief und nicht so zahlreich sind, reizt. – Ich will nicht sagen „triggert“. Aber für manche ist es eben doch auch unwillkürlich ein Wettbewerb – oder zumindest eine Vergleichsmöglichkeit.

Die Offenheit, mit der viele Twitterer unter dem Hashtag ihre Fotos zeigen, mag für sie erleichternd sein, andere bedrückt es. Es ist schwierig, hier zu entscheiden, welches Bedürfnis das dringendere ist: Der Wunsch nach mehr oder nach weniger Druck – das Outing oder das Verstecken dürfen.
Ich denke, dass jemand, der nicht über seine Probleme reden will, auch das Recht dazu haben sollte, nicht reden und sich zeigen zu müssen. Ich denke auch, dass jeder das Recht haben sollte, sich selbst zu verletzen, wenn er das möchte, ohne dafür schief angesehen, oder bemittleidet zu werden. Klingt das radikal? Ich finde, niemand hat es verdient, für (womöglich dumme, selbstzerstörerische) persönliche Entscheidungen an einen Pranger gestellt zu werden - selbst wenn es ein Mitleidspranger ist. Ich will nicht, dass das sogenannte "erwünschte" Verhalten einfach als "gesund" definiert wird und alle Abweichungen als "krank", weil es einfacher ist, Menschen zu ändern als Umstände.

SVV als Ausdruck persönlicher Freiheit ist ein Aspekt, den man ebenso beleuchten muss. Wer sich selbst schadet, um eben nicht mehr funktionieren zu müssen, der gibt ein Statement ab, dass er unzufrieden mit den Anforderungen ist, die an ihn gestellt werden. Wir lösen dieses persönliche Problem jedoch nicht, indem wir den Betroffenen wieder auf Linie therapieren.

Da viele Kulturen rituelle Selbstverletzungen kennen, ist außerdem anzunehmen, dass zu einem gewissen Grad das SVV (wie andere irrationale Dinge wie Drogenmissbrauch und Religionen) schlicht und einfach in der menschlichen Natur liegt und nur unsere auf Optimierung und Profitorientierung ausgelegte Gesellschaft es als unbedingt schadhaft oder ekelerregend ansieht - es aber gleichzeitig durch permanenten Druck in krankhafter Ausprägung befördert.

Ich zeige euch keine Narben, weil ich auf diese Weise nicht eure Aufmerksamkeit, eure Anerkennung und euer Mitleid oder euren Schock erheischen will. Mit Narben hausieren zu gehen, bedeutet nämlich auch, dass sich dämliche Stereotype manifestieren, nachdem SVV nur eine Form von Aufmerksamkeitsstörung ist. Hier nehmen sich die Außenstehenden mal wieder viel zu wichtig. SVV heißt deshalb Autoaggression, weil es dabei um eine Auseinandersetzung mit sich selbst geht und nicht um eine Beziehung nach außen. Auch wenn das vielleicht schwer zu begreifen ist, aber: Die Welt dreht sich nicht um euch und eure Ansichten – vor allem nicht die Welt eines psychisch Kranken!

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May. 14th, 2016

Warum mich Fantasy-Literatur anekelt

Hallo, mein Name ist suedie und ich lese keine Fantasy-Literatur (mehr). Ein schockierendes Bekenntnis für jemanden, der sich vor allem mit Menschen umgibt, die phantastische Literatur quasi einatmen.

Aber ich habe mir den Ekel angelesen. Ich ertrage keine Handlungen mehr, in denen übernatürliche Fähigkeiten den Unterschied machen zwischen Held und Opfer, in denen Magie ein Werkzeug ist oder Charaktere zu Stereotypen stilisiert werden. Ich will keine Geschichten mehr über pseudo-mittelalterliche Königreiche und politische Verwicklungen lesen, die ganz selbstverständlich nur von wenigen Personen beeinflusst werden. Und vor allem nervt mich der Pathos, die künstliche Bedeutsamkeit, und die Konstruktion von Beziehungen und Vorgeschichte.

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Apr. 24th, 2016

Trivialliteratur heute - Unterwerfung als Wunscherfüllung

Männer sind vom Mars und Frauen sind von der Venus. Nach dieser uralten Annahme, die womöglich darauf begründet ist, dass die Geschlechter gegenseitig keinen Bock hatten, einander verständnisvoll zu begegnen, macht man heute immer noch gerne Kasse.

Vor einiger Zeit fand ich einen Artikel, der die Überschrift hatte „Männer lesen Männer, Frauen lesen alles“, in dem behauptet wurde, Männer ließen sich von einer weiblichen Autorin davon abhalten, in ein Buch hineinzulesen. Sind jetzt alle Männer sexistisch? Oder ist diese Annahme sexistisch? Oder ist vielleicht unser Büchermarkt sexistisch, der annimmt, es gäbe so etwas wie „Frauenromane“ und „Männerlektüre“? Klar haben Frauen weniger Hemmungen in ein „männliches Buch“ rein zu lesen. Frauen haben sich die „Welt der Männer“ soweit erschlossen, dass niemand mehr wagt, ihnen vorzuschreiben, wofür sie sich interessieren dürfen und wofür nicht. Bei Männern scheint das anders zu sein. Männer, die klischeehafte und platte Liebesschnulzen lesen? Undenkbar! Frauen die billige Science-Fiction-Groschenhefte lesen? Cool!

Hier findet eine Abwertung von Themen statt, die man als „weiblich“ identifiziert und die man Frauen durchaus zugesteht, Männern aber eher nicht. Die müssen da drüber stehen! Wir haben es also mit einem ziemlich archaischen Menschenbild zu tun. Die Frage ist nur: Sind die Menschen wirklich so? Oder hat der Markt sie dazu erzogen? Indem man Liebesromane als „Frauenromane“ oder „ChickLit“ vertreibt. Indem man ausdrücklich nur Frauen anspricht, wenn es zum Beispiel um historische Stoffe geht – abseits von Kriegsgeschichten vielleicht?

Gleichzeitig mit der Geschlechtertrennung in der Mainstreamliteratur erleben wir deren Trivialisierung. Das Limitieren der Zielgruppe führt zu einem Zurechtstutzen der möglichen Themen und seltsamen, neuen Subgenres wie der „Billionaires-Romance“ oder der „Gestaltwandlerromanze“ als Untergenre des Untergenres Paranormal-Romance oder des „Dinosaurierpornos“.

Kunden, die dieses Buch gut fanden, lasen auch… Und dann findet man eine ganze Reihe von Epigonen, die allesamt die gleiche Geschichte zigmal erzählen, bis sie ein eigenes Genre erschaffen haben. Für Leser heißt das: Es ist ungemein einfach, sich nicht mehr von einem Themenkomplex verabschieden zu müssen, um etwas neues kennen zu lernen. Sie wissen, was sie erwartet, wenn sie eine der Empfehlungen anklicken. Und alle diese Erwartungen werden erfüllt.

Nun gibt es Trivialliteratur nicht erst seit auf Amazon jeder Möchtegernautor seine Ergüsse an den Mann oder eben die Frau bringen kann. Heftromane gab es immer schon. Sie haben ihre Daseinsberechtigung und ich will sie ihnen auch gar nicht streitig machen.

Dennoch sollte man sich dessen bewusst sein, dass es eben genau das ist, was man da liest: Trivialliteratur ohne künstlerischen Anspruch! Ich persönlich kenne Menschen, die sich damit brüsten, wie viel sie alles lesen und wenn man dann mal nachfragt, läuft es auf Highlander-Romane und Dr. Norden hinaus.

Bücher sind nicht per se ein Bildungsmedium. Sie sind einfach nur ein Medium. Wie Fernsehen oder Radio. Fernsehen macht nicht dumm, aber wenn man die falschen Sendungen schaut, eben doch. Genauso ist es bei Literatur.

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Mar. 19th, 2016

Safe Spaces für Trauernde und andere Minderheiten

Auf Twitter gelangte ein Spruch in meine Timeline. Er lautete: „Psychisch Kranke brauchen einen Safe Space, wer gesund ist und einen verlangt, ist eine Heulsuse!“

Abgesehen von der Tatsache, dass man hier psychisch kranken Menschen die Befähigung abspricht, selbst für sich zu sprechen, bin ich geneigt, der Aussageabsicht dieses Spruchs zuzustimmen. Safe Spaces sind bescheuert!

Nur muss dann eben auch gleiches Recht für alle gelten: Wenn Beleidigungen und Diskriminierungen mit der Begründung „Meinungsfreiheit“(nicht unwidersprochen, aber doch) ausgehalten werden müssen, dann müssen auch Verstöße gegen Anstand und Moral möglich sein.

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