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Aug. 30th, 2016

Popmusik analysiert: Philipp Leon "Auf und Ab"

Kennt ihr Philipp Leon Altmeyer? Nein? Auch nicht schlimm.

Also der Typ war mal bei irgend so einer Castingshow, hat nichts gerissen und ist in der Versenkung verschwunden. Weil er aber zufällig aus der Gegend kommt, in der ich wohne, promotet das lokale Radio seinen neuen Song, der den Titel „Auf und ab" trägt.

Könnt ihr alles gleich wieder vergessen – nachdem ich ein wenig über den Songtext garantet habe.

Die Radiowelt der Deutsch-Pop-Jünglinge ist voller Scheißtexte, aber das hier schießt dann doch den Vogel ab.

Philipp Leon Altmeyer schreibt auf seiner Facebook-Seite, es handele sich um einen Song über „Freiheit und Mut zum Loslassen".

Wollen wir doch mal sehen, ob das ankommt...

„Ich bin auf der Suche, der Suche nach mir"

Okay, das ist Selbstfindungsblabla... Man befindet sich nicht auf der „Suche nach sich", sondern man „ist man selbst" und muss dafür sorgen, dass man einigermaßen zufrieden mit sich ist. Man probiert vielleicht hier und da Neues aus, sucht nach Dingen, die zu den persönlichen Neigungen passen, feilt an deiner Persönlichkeit, aber „man selbst sein" ist immer noch Arbeit, die man mit und an sich verrichten musst und nichts, was man suchen und irgendwo fix und fertig finden kann.

Oh, der Weg ist das Ziel werdet ihr sagen... Nein, das Ziel ist das Ziel und der Weg ist der Weg.

„Hab mich verlor'n, ich find mich nicht mehr"

Das ist pseudo-deeper Schwachsinn – es sei denn du hast Alzheimer. Man kann unzufrieden mit sich sein, das heißt aber nicht, dass man nicht mehr man selbst ist. Man ist dann nur halt eben ein Arschloch oder ein Feigling oder was auch immer einen an sich selbst stört.

„Die Welt ist so groß, es gibt so viel zu sehen"

Das könnte aus einem Kinderlied stammen. Es könnte auch auf einem Abreißkalender stehen – aber wahrscheinlich wäre das sogar einem Kalenderautoren zu nichtssagend. Zumal dieser Satz mit den vorherigen irgendwie gar nichts mehr zu tun hat, es sei denn hier geht es wirklich um „Der Weg ist das Ziel".

„Verschließe die Augen, lauf blindlings durchs Leben"

Und an der Stelle wird es gefährlich. Oder meint er das selbstkritisch? Wir werden sehen, dass es eine einfache Darstellung ist und er keinerlei Ambitionen hat, sein Lebensweise zu ändern. Jedenfalls karikiert diese Zeile die vorherige: Es gibt was zu sehen, aber ich laufe blind herum. Ja, kein Wunder, dass du dich nicht findest, Dämlack!

„Verrückt, was die Welt so mit uns macht, gibt uns den Mut, doch nicht die Kraft"

Die Kraft, die Augen aufzumachen und der Realität ins Auge zu blicken? Was bist du für ein Schwächling? Meine Theorie lautet: Er hätte durchaus die Kraft, aber er ist ein Feigling, der eine Schwäche vortäuscht, um nicht auf seine Fehler festgenagelt zu werden.

Übrigens: Natürlich „macht die Welt" hier alles. Unser Protagonist ist ein Passivling, der rein gar nichts selbst auf die Beine stellt – kein Wunder, dass er keine Persönlichkeit hat. Er sucht nach etwas, das er selbst brach liegen lässt. Er ist nicht nur feige, sondern auch faul und ein Jammerlappen!

„Ich kenn dieses Auf und Ab und ich lass es einfach zu"

Ein Lied über Freiheit ist in seinen Augen also auch ein Lied über Passivität. Und Mut zum Loslassen ist dann wohl die Feigheit, etwas nicht festzuhalten. Ich meine: Zuerst beschwert er sich und dann gibt er zu, gar nichts gegen den Missstand in seinem Leben unternehmen zu wollen. Was ist das hier für eine Message? Hey Leute, ihr könnt eh nichts tun, also lasst einfach mal alles geschehen!

Es folgt der Refrain:

„Und ich geh, wohin der Wind mit trägt / Und ich weiß, es ist nie zu spät / Auch wenn der Wind sich dreht / Und mir entgegenweht / Halt ich fest / An seinem Weg"

(Ja, auf SEINEM Weg... nicht auf MEINEM Weg. Bezeichnend!) So. Ein Fähnchen im Wind. Man hält fest am Loslassen. Und wenn ich Gegenwind bekomme, schließe ich mich seiner Richtung einfach an und drehe und wende mich, wie es ihm gefällt. Das hier, liebe Freunde, ist ein Lobpreis des Opportunismus und nicht der Freiheit!

Oh, natürlich geht es dem Opportunisten immer gut, weil er sich anpassen kann, aber dann soll er sich nicht beschweren, dass er „sich selbst nicht findet"! Was wird hier jungen Popmusik-Fans beigebracht? Lass dich treiben! Lass andere über dich entscheiden! Geh mit, wenn die Masse sich bewegt! Denk nicht nach, folge dem Wind, egal aus welcher Richtung er kommt! Scheiß auf Integrität! Ist viel zu anstrengend!

Und was die Zeile „es ist nie zu spät" hier soll, verstehe ich nicht.

Wisst ihr... der Song hätte Josef Goebbels sicher gut gefallen...

Zweite Strophe:

„Ich bin immer noch getragen von ihm, ich lass endlich los, es ist fast so wie Fliegen"

Und jetzt sollte man vielleicht spätestens mal fragen, was zu Geier er denn jetzt loslässt? Den Alltag? Den Stress? Sein soziales Gewissen? Den Druck, ein möglichst guter Mensch zu sein, mit dem er selbst zufrieden sein kann? Ist das hier eine Anleitung zum Arschloch-Werden? Und glaubt mir: Arschloch zu sein fühlt sich kein bisschen an wie „Fliegen"!

„Ich lass mich einfach treiben in der Schnelllebigkeit"

Oh, schon wieder der Mist: Die Gesellschaft ist so schnelllebig und ich entschleunige, indem ich einfach mal auf meinen Charakter scheiße.

Aber hey, vielleicht ist der Text auch total metaphorisch gemeint: Ich löse mich von materiellen Zwängen, nur dass – und es schmerzt mich unheimlich das zugeben zu müssen – die schreckliche Band „Silbermond" zu dem Thema bereits das weit bessere Lied (nämlich „Leichtes Gepäck") geschrieben hat, dessen Sinn man verstehen kann, ohne durch einen Haufen Allgemeinplätze zu schwimmen.

Zumal: Natürlich ist „sich treiben lassen" absolut keine Lösung für das gesellschaftliche Stressproblem, den Erwartungs-, Wettbewerbs- und Leistungsdruck darstellen. Und ich nehme es dem Philipp auch nicht ab, dass er nach seiner eigenen Philosophie lebt, denn wer „sich treiben lässt", der produziert keine Popmusik, die darauf ausgelegt ist, in Heavyrotation im Radio zu laufen und mit der er hausieren gehen möchte.

„Das ist der Lauf der Dinge in unserer Zeit"

Was das Treiben-Lassen oder die Schnelllebigkeit? Ist das jetzt ein Hauch von Sozialkritik? Nachdem er vorhin noch für den Opportunismus plädiert hat? Will der uns verarschen oder weiß der selbst nicht, was er da singt? Davon abgesehen: Wenn dir der Lauf der Dinge nicht gefällt, solltest du versuchen, das Problem anzusprechen und eine Lösung zu finden, von der mehr Leute profieren als nur du selbst! Och ja, so ist das halt heutzutage, kann man nichts machen... Wenn alle so denken, werden wir bald von Pegida regiert!

„Verrückt, was die Welt so mit und macht, nichts ist geplant, nichts ist durchdacht"

Ja, den Eindruck habe ich sehr stark!

Nur: Nicht die Welt ist dran schuld, dass nichts geplant und nichts durchdacht ist, sondern du, weil du nicht geplant und nicht gedacht hast! Aber vielleicht findest du es ja toll, das Opfer von irgendwelchen höheren Mächten zu sein, die du „der Wind" oder „die Welt" nennst. Werd doch mal konkreter: Wer nicht plant oder denkt, der wird rumgeschubst von Leuten, die das Planen und Denken an seiner Stelle übernommen haben: Regierungen, Wirtschaft, Medien... Will man sich wirklich von denen bestimmen lassen? Frei sein zum Preis der... naja Freiheit. Das hier ist ziemlich orwellianisch, wenn man es sich überlegt: Ein Lied über die Freiheit, die man erlangt, wenn man seine Freiheit aufgibt? Wer nicht mehr unter dem Zwang zu denken steht, der fühlt sich gleich viel besser... Ja, er fühlt sich besser, aber geht es ihm auch besser? In 1984 lautet ein Wahlspruch „Freiheit ist Sklaverei" und ich glaube, dem schließt sich unser Philipp hier an.

Dann kommt noch mal der Refrain und ein paar Uhs und Ahs und dann ist der Song auch schon zu Ende.

Was bleibt, ist der fade Beigeschmack eines mehr als generischen Popsongs... Es ist ein Gleichschaltungs-Popsong unter dem hippen Mantel des Gedanken „Freiheit von Verantwortung ist die beste Freiheit!" – nur dass „Freiheit von Verantwortung" eben gleichbedeutend mit Sklaverei ist.

Warum schreibe ich das alles überhaupt? Weil ich mir wünsche, dass Leute mehr auf die Texte achte, die ihnen tagtäglich um die Ohren gehauen werden, als wären sie bedeutungslos.

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Jul. 22nd, 2016

Alle Positionen sind scheiße

Was mich aufregt: Der Glaube, es gäbe immer nur zwei Positionen und man müsste sich für eine davon entscheiden. Denn, wenn man das tut, sitzt man in der Falle. Man wird nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern als Zustimmer, den man eingliedern muss in die eigenen Reihen oder als Ablehner, den man bekämpft.

Da gab es also einen Putschversuch in der Türkei kürzlich und jetzt muss man sich entscheiden: Ist man für Erdogan oder für das Militär. Es scheint absolut nicht dazwischen oder daneben zu geben. Ist man für den Putsch, nennen sie einen einen Antidemokraten. Ist man gegen den Putsch, nennen sie dich einen Islamisten.

Es geht vollkommen das Gespür für differenzierte Ansichten verloren, weil alles schnell auf den Punkt gebracht werden muss, weil Leser, Zuhörer oder Zuschauer kaum noch Aufmerksamkeit übrig haben, bei all den Pokemon, die gejagt werden müssen… was weiß ich.

Jedenfalls finde ich beide Seiten scheiße und werde dafür von beiden Seiten wahlweise angefeindet oder vereinnahmt.

Ich finde Erdogan, seine Partei, seine Ansichten, was er mit der Türkei gemacht hat und wohl vorhat noch zu tun, widerwärtig. Aber ich finde auch einen Militärputsch widerwärtig. Vergessen wir nicht: Das gleiche Militär, das Erdogan jetzt „säubern“ lässt, geht andernorts brutal gegen die Kurden vor, die ihrerseits ihren Terror gegen die Türkei wieder haben aufflammen lassen. Wer sind hier „die Guten“? Ich frage euch: Wen soll man in dieser Gemengelage unterstützen?

Das nur als ein Beispiel dafür, dass die Welt ein bisschen komplizierter ist als: Donald Trump oder Hillary Clinton.

Es gibt mehr als zwei Positionen. Wer immer euch etwas anderes erzählt, will euch zu irgendwas verführen.

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Jul. 10th, 2016

Das Kreuz mit der Demokratie

Demokratie. Oh, was für ein schönes, wohlklingendes Wort. Alles ist toll, wenn es demokratisch entscheiden wurde. Alles ist gut und richtig, wenn es nur das Label Demokratie hat.

So wie dieses Brexit-Referendum. Habt ihr von gehört? In einer beispiellos demokratischen Abstimmung haben etwas mehr als 50% der zur Wahl gegangenen Briten entschieden, dass ihr Land aus der EU austreten soll. Damit haben sie ihr Land von einem auf den anderen Tag ins Chaos gestürzt. Dass jetzt alle möglichen poltischen Führungskräfte, die irgendwie verantwortlich sind für die Propaganda-Schlammschlacht vom Vorfeld der Abstimmung, das sinkende Schiff verlassen, ist da nur eine Randnotiz und irgendwie symptomatisch für Populisten, die mit Verantwortung… eher nicht so gut umgehen können.

Lustig sind die Reaktionen in Deutschland. Aus den Reihen der Konservativen und derer, die es schon irgendwie geil finden, dass die Briten es sich endlich mal getraut haben, ihrem Unmut an der Wahlurne Luft zu machen, hört man: Das ist gelebte Demokratie! Niemand darf das Ergebnis in Frage stellen! Das Volk hat gesprochen! Großbritannien hat ja eine so lange demokratische Tradition, da dürfen wir mit unserer von dem Amis übergestülpten Demokratie uns keinen negativen Kommentar erlauben… Blah!

Die demokratische Tradition in Großbritannien ist so großartig und beispielhaft, dass bei der letzten Parlamentswahl offen überlegt wurde, das verkrustete und ungerechte Wahlrecht zu ändern und dem ausgerechnet deutschen anzunähern. Naja... Eigentlich ist diese Forderung sogar schon ein bisschen älter.

Das Volk ist in Großbritannien nicht der Souverän wie in Deutschland. Die letztendliche Entscheidungsbefugnis über den Brexit hat nach wie vor das Parlament (das sich dem Votum aber wahrscheinlich beugen wird muss… zugegeben).

Von der anderen Seite – also den Leuten, die das Ergebnis des Referendums irgendwie schon scheiße finden – hört man dagegen Unsäglichkeiten wie diesen Beitrag von Anja Reschke, die findet, dass man das Volk über wichtige Entscheidungen lieber nicht befragen soll, weil die ja alle doof sind… Äh… Hat die Frau sich eigentlich mal gefragt, warum die Leute angeblich alle so doof und uninformiert sind? Könnte es daran liegen, dass eventuell die Medien ihren Job nicht richtig machen, wenn die Bevölkerung kollektiv keinen Plan zu haben scheint? – Was ihre Aussage ist, nicht meine…

Tja, man hätte vielleicht doch lieber nicht fragen sollen, dann hätte man nämlich schön weiterwursteln können. Demokratie ist schon scheiße, wenn sie die Gefahr birgt, dass Idioten in Ämtern irgendwann für ihr Versagen die Quittung bekommen. – Übrigens, gerne mehr davon!

Die Frage ist aber: War dieses Referendum nun eigentlich demokratisch oder nicht? Keiner scheint das irgendwie zu bezweifeln und das irritiert mich ein wenig, denn ich finde, dass dieses fast 50:50-Ergebnis eine Verzerrung der Tatsachen darstellt. Ich glaube überhaupt nicht, dass da ein Riss durch Großbritannien geht. Die meisten Leute dort sind sich nämlich einig – so wie auch im Rest der EU – dass ebendiese EU dringend reformiert gehört, dass sie undemokratisch, intransparent und bürokratisch ist, dass die Bevölkerung(en) kein bis wenig Mitspracherecht haben, dass die nationalen Regierungen zu viel Einfluss nehmen, dass das ganze System aufgebläht und wenig funktional ist und dass Eigeninteressen immer noch größer geschrieben werden als gemeinsame Problembewältigung.

Aber das wurde nicht gefragt. Gefragt wurde: Wollt ihr raus oder wollt ihr drin bleiben?

Die Frustrierten haben also gesagt: „Wir glauben nicht an eine schnelle Demokratisierung, also brauchen wir den Mist nicht!“

Die Ängstlichen haben gesagt: „Joah, die Grundidee ist ja ganz nett. Es funzt nicht so wirklich, aber rausgehen, wäre halt schon gefährlich.“

Was wäre geschehen, wenn das Votum zu Gunsten von Remain ausgegangen wäre? Man hätte es als Bestätigung des Status Quo betrachtet und einfach so weiter gemacht.

Nun hat Leave gewonnen und in Brüssel rennen sie alle herum wie aufgescheuchte Hühner, reagieren pikiert bis beleidigt – aber über kurz oder lang wird es zu einer Demokratisierung der EU kommen müssen, wenn sie nicht auseinander fallen soll. Dementsprechend wäre das Leave-Votum ein Weckruf und eine Chance. Leider haben sich die Briten nun dafür selbst ins Messer geworfen…

Was ich sagen will, ist: Dieses Referendum war von Anfang an undemokratisch: Remain hätte bedeutet, dass das verkorkste EU-System bestätigt worden wäre. Leave gibt den Populisten die Legitimation für nationalistische Parolen und Parteiprogramme. Nigel Farage wäscht seine Hände in Unschuld. Die Bevölkerung ist schuld. „Demokratie“ enthebt also die selbsternennten Führungspersönlichkeiten jeglicher Verantwortung. Aber nicht in der Form, dass all diese Politiker nun ihre Posten loswerden… Oh nein. Die haben ihre Schäfchen im Trockenen.

Den Anschein von Entscheidungsmöglichkeit zu erwecken, um aber im Grunde nur die Bestätigung für etwas zu erheischen, das in jedem Fall scheiße ist, erachte ich nicht als Errungenschaft einer freiheitlichen Gesellschaft, sondern als Verblendungstaktik.

Ja oder Nein-Entscheidungen sind meistens zu kurz gegriffen. Sie beinhalten keinen Ausdruck für sachliche und konstruktive Kritik, sondern sind nur eine Bestätigung für bereits vorgefasste Pläne… Wobei natürlich in diesem Fall peinlicherweise nicht mal ein Leave-Plan vorliegt… Der Bürger darf eben NICHT mitsprechen. Er darf nur abnicken oder ablehnen. Warum und ob er vielleicht alternative Ideen bevorzugen würde, wird dabei nicht gefragt.

Der verblödete Bürger, den vielleicht auch Frau Reschke meint, ist nur deshalb blöd, weil man ihn nicht reden lässt, weil man ihm nicht die Möglichkeit gibt, sich einzubringen, weil man ihm suggeriert, es gäbe nur zwei Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden kann.

Auf einem echten demokratischen Wahlzettel hätte also in etwa sowas stehen müssen:

-          Ich bin mit der EU so zufrieden, wie sie ist!“.

-          Ich will in der EU bleiben, aber nur, wenn sie sich grundlegend ändert:

Und zwar wie folgt:

1. Ich finde, die EU sollte sich mehr zurück auf die Interessen der Nationalstaaten besinnen!

2. Ich finde, die EU sollte noch weiter zusammenwachsen und gemeinsame politische Ziele verfolgen – darin enthalten: eine einheitliche europäische Außen-, Steuer- und Sozialpolitik

-          Ich will die EU verlassen, weil ich keine Chance auf eine Reform sehe!

-          Ich will die EU verlassen, weil ich die Idee der EU schlecht finde!

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Jun. 4th, 2016

Über das Überspringen von Stöckchen

Weil ja jetzt jeder seine Meinung über Gauland und Boateng in die Welt gerotzt hat, fühle ich mich bemüßigt, als unangefochtene Stimme der Vernunft ein paar Worte darüber zu verlieren und damit hoffentlich das Thema abzuschließen… So ganz ohne Anmaßung.

Was ist passiert?

Gauland gibt der FAS ein Interview. Die Interviewer lassen irgendwie – wie und warum genau weiß man nicht – den Namen Boateng fallen und Gauland springt über das Stöckchen, indem er angeblich sagt: „Die Leute mögen ihn als Fußballer, aber als Nachbarn wollen sie ihn nicht haben.“ (Damit meinte er nicht, dass die Leute keine Fußballer als Nachbarn mögen, sondern ausländisch aussehende Menschen, dass die Deutschen eine (irrationale? begründete?) Angst vor vermeintlich Fremden hätten.)

Ob er es wirklich gesagt hat oder nicht, ist nicht mehr nachprüfbar, denn es ist nicht auf Band, sondern lediglich in den Aufzeichnungen der beiden Journalisten festgehalten.

Gehen wir aber mal davon aus, dass er es gesagt hat. Was bedeutet das nun?

Ist Gauland ein Rassist, weil er glaubt, dass die Deutschen Rassisten sind?

Klagt Gauland den Rassismus der Deutschen an?

Beschreibt er einfach nur die Realität?

Und hat er damit Recht?

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May. 31st, 2016

Ein paar Gedanken zu #VersteckDichNicht

Vor einiger Zeit ging auf Twitter der Hashtag #VersteckDichNicht um. Es ging bei dieser Aktion darum, autoaggressives Verhalten aus der Ecke der Tabuthemen zu zerren und Menschen zu ermutigen, ihre Narben öffentlich zu zeigen.

Ich verstehe die Intention, weiß aber nicht, ob das ganze so sinnvoll ist. Es gibt viele Missverständnisse das Thema SVV betreffend und so ein effekthascherischer Hashtag führt – so zeigt es die Erfahrung – nicht wirklich zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Thematik, sodass am Ende doch nur Halbwahrheiten hängen bleiben und nach zwei Wochen eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Wirklich über Ursachen und Wirkung von SVV haben wir dabei nicht gesprochen. Auch waren wir uns von Anfang an einig, dass SVV etwas schrecklich Krankhaftes ist, das man um jeden Preis unterbinden muss, weil es nicht konform geht mit dem, was man gemeinhin als wünschenswertes Verhalten betrachtet. Damit debattiert man vollkommen über die Köpfe der Betroffenen hinweg, nimmt sie und ihre Beweggründe nicht ernst und hat maximal ein bisschen herablassendes Mitleid für sie übrig. Na danke auch! Leckt mich, ihr Penner! Ich brauche diesen Scheiß nicht, denn ich bin durchaus ein rational denkender Mensch, den man nicht an die Hand nehmen muss. Eine psychische Kranheit macht einen nicht zum hilflosen, willenlosen Kleinkind. Ihr müsst diese Leute nicht bevormunden! Und am wenigsten brauchen sie Modelllebensentwürfe, die von euch vorgelebt und für gut befunden wurden!

Bemerkt ihr die Sturheit? Ganz genau das ist der Effekt, den Bevormundung immer auslöst!

Ein paar Leute zeigen selbstdarstellerisch ihre Narben und lassen sich dafür feiern, dass sie so mutig sind und über etwas zu sprechen wagen, über das sie dann doch irgendwie nicht sprechen. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter und sagt: „Ja, ich habe es geschafft, ich bin ein neuer, besserer Mensch, seit ich das SVV aufgegeben habe.“

Sie verkennen dabei drei wichtige Aspekte des Themas:

1.       Wer drin steckt im SVV, der versteckt sich nicht, weil die Gesellschaft, sich über seine Probleme lustig macht. Über diesen Punkt sind wir längst hinweg. Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind längst nichts mehr, wofür man belächelt oder angegangen wird. Das sind Volkskrankheiten und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer SVV an den Tag legt, versteckt die offensichtlichen Beweise, weil er sich aus ebenjener Debatte heraushalten will. SVV ist keine Krankheit und ein Symptom ist es nur aus Sicht des Therapeuten. Aus sich der Betroffenen ist es Therapie! SVV hilft. Es setzt biochemische Prozesse in Gang, die dazu führen, dass die Depression akut gemildert wird. SVV macht insofern in einem ähnlichen Maß abhängig wie Opiate. Die Vorstellung, dieses Verhalten wegtherapiert zu bekommen oder sich erklären zu müssen, löst Panik aus, weil es für Betroffene bedeutet, dass man ihnen ihr Ventil für Frust, Angst und Verzweiflung nimmt.

2.       SVV ist für viele Betroffene ein Teil der Persönlichkeit. Es weggenommen zu bekommen, bedeutet, einen Teil von sich zu verlieren und noch mehr Leere zu empfinden. Es bedeutet, „normal“ werden zu müssen, dabei hat man überhaupt keine Ahnung, wie man das anstellen soll. Andere Menschen, die offenbar nicht mit dieser speziellen Leere in Kontakt geraten, wirken fremdartig und ein derartiges Leben oft nicht attraktiv für Menschen mit SVV.

3.       SVV taucht so gut wie nie allein auf. Es steht so gut wie immer im Zusammenhang mit Depressionen, Angst- oder anderen Suchterkrankungen. Man kann nicht über SVV sprechen und die Ursachen außen vor lassen. Man muss die Depression behandeln, um das SVV in den Griff zu bekommen. Das Problem ist, dass viele Betroffene, sich ein Leben ohne Depression nicht vorstellen können, nicht wissen, dass ihrer Sucht, sich zu verletzen, eine behandelbare Depression zu Grund liegt oder sie glauben, ihre Depression über das SVV kontrollieren zu können.

Unter dem Hashtag wird so getan, als wäre es ein Zeichen von Stärke, seine Narben zu zeigen, als zeige man hier einen Teil von sich, stolz und zu sich stehend.

Jemand, der in der Logik des SVV denkt, sieht jedoch nicht jemanden, der es geschafft hat, aus einem Teufelskreis herausgekommen ist – auch wenn es natürlich genau so ist. Er sieht einen Menschen, der seine Persönlichkeit beschnitten hat, der sich angepasst hat, dem etwas abtrainiert wurde, das der Gesellschaft nicht passt, aber für ihn persönlich doch so wirksam ist. Was viele Menschen nicht verstehen, ist, dass SVV keine Belastung darstellt, sondern etwas, um die Belastung zu lösen.

Der Blick der Gesellschaft auf SVV ist ein Problem und wenn ehemalige Betroffene sich dieser Sichtweise anpassen, die besagt, dass SVV immer schlecht, immer krank, und immer schwach ist, dann erreicht man damit das genaue Gegenteil von dem, was man erreichen will: Die Betroffenen kommen nicht heraus und fangen plötzlich an, über ihre Probleme zu reden, sondern ziehen sich noch eher zurück, weil sie glauben, jetzt sei nicht nur die Gesellschaft gegen sie, sondern auch diejenigen, die sie eigentlich verstehen müssten. So wird die Entfremdung intensiviert! Sie fühlen sich missverstanden, weil von außen eben nur das SVV wahrgenommen und diskutiert wird, nicht aber die emotionalen, unsichtbaren Probleme.

SVV zu pauschal verteufeln ist der falsche Weg. Wir müssen den Leuten verständig machen, was Betroffene dazu antreibt, sich selbst zu verletzen. Selbstverletzungen halten stark depressive Menschen zunächst von Selbstmord ab. Den Drang, sich selbst zu verletzen, zu unterdrücken - ohne gleichzeitig die Depression zu behandeln -, richtet unter Umständen mehr Schaden an, als ihn vorerst zu akzeptieren. Wir müssen offen darüber diskutieren, was wir als „krank“ und „gesund“ definieren. Ein Mensch mit autoaggressivem Verhalten empfindet womöglich die Gesellschaft als krank, weswegen nur der Kranke darin wirklich gesund sein kann, während derjenige, der als gesund gilt, sich womöglich nur besonders gut an ein krankes System anpassen kann, was jedoch noch lange nicht heißt, dass er auch glücklich oder für Gesellschaft und Umwelt nützlich ist. SVV geht oft auch mit dem Unwillen, sich anzupassen, einher. Auch das muss einkalkuliert werden. Einen Menschen seiner Persönlichkeit zu berauben, macht ihn nicht automatisch glücklich, auch wenn er dadurch vielleicht "funktioniert".

SVV ist, wie oben bereits angeklungen, eine Sucht. Die Gefahr, die darin besteht, ist nicht, dass man hässliche Narben zurückbehält, sondern, dass die ohnehin gestörte Hirnchemie des Depressiven noch weiter gestört wird. Mit SVV setzt man Endorphine, Dopamin und Serotonin frei, was eine akute Verbesserung der Gemütslage bewirkt. Setzt jedoch – wie bei jeder Droge – ein Gewöhnungseffekt ein, werden massivere Verletzungen nötig, um auf das angestrebte Level zu kommen. Im Endeffekt kann das SVV also die Depression sogar verschlimmern - und das ist der Grund, warum eine Therapie gemacht werden sollte - nicht die hässlichen Narben!

Depressionen sind Störungen in der Hirnchemie, die medikamentös behandelt werden können und auch ein SVV unnötig werden lassen. Wir sollten aufhören, auf diese gefühlsduselige und pathetische Weise über Depressionen und ihre Effekte zu reden.

Wer sich also nicht mehr selbst verletzt, kämpft? Und wer sich noch selbst verletzt – kämpft der etwa nicht? Ich finde diese Rhetorik äußerst kontraproduktiv. (Genauso wie das Verb „kämpfen“ im Rahmen einer Krebserkrankung übrigens… Es suggeriert immer irgendwie, dass derjenige, der stirbt, einfach nicht genug gekämpft hat und deshalb selbst Schuld am Versagen seiner Therapie ist.)

Wer sich therapieren lässt, der kämpft nicht allein, sondern hat sich professionelle Hilfe geholt. Wer sich aber weiterhin selbst verletzt (oder rückfällig wird), der ist verdammt allein in seinem Kampf – nicht gegen das SVV, sondern gegen eben diese empfundene Leere, die verstärkt wird, wenn man mit Einsamkeit und Entfremdung konfrontiert wird. Das SVV ist ein (vermeintlicher) Verbündeter, nicht der Gegner dieser Betroffenen. – Etwas, was viele Außenstehende auch im Zusammenhang mit Essstörungen nicht verstehen wollen. Die Magersucht beispielsweise wird von Magersüchtigen nicht als Gegner betrachtet, sondern als Weg zu einem Ziel, als Möglichkeit, Glück zu empfinden, indem man Kontrolle über sich selbst ausübt. Behandelt werden muss die zugrunde liegende Störung, nicht primär die Nahrungsverweigerung – wenn der Gewichtsverlust nicht schon lebensgefährlich geworden ist.

Kontrolle und Zwänge sind das Stichwort. Viele von SVV betroffene Menschen legen auch Zwangsstörungen und krankhaften Perfektionismus an den Tag. Ihnen unter die Nase zu reiben, was sie doch für Versager sind, dass ihre Narben nicht so tief und nicht so zahlreich sind, reizt. – Ich will nicht sagen „triggert“. Aber für manche ist es eben doch auch unwillkürlich ein Wettbewerb – oder zumindest eine Vergleichsmöglichkeit.

Die Offenheit, mit der viele Twitterer unter dem Hashtag ihre Fotos zeigen, mag für sie erleichternd sein, andere bedrückt es. Es ist schwierig, hier zu entscheiden, welches Bedürfnis das dringendere ist: Der Wunsch nach mehr oder nach weniger Druck – das Outing oder das Verstecken dürfen.
Ich denke, dass jemand, der nicht über seine Probleme reden will, auch das Recht dazu haben sollte, nicht reden und sich zeigen zu müssen. Ich denke auch, dass jeder das Recht haben sollte, sich selbst zu verletzen, wenn er das möchte, ohne dafür schief angesehen, oder bemittleidet zu werden. Klingt das radikal? Ich finde, niemand hat es verdient, für (womöglich dumme, selbstzerstörerische) persönliche Entscheidungen an einen Pranger gestellt zu werden - selbst wenn es ein Mitleidspranger ist. Ich will nicht, dass das sogenannte "erwünschte" Verhalten einfach als "gesund" definiert wird und alle Abweichungen als "krank", weil es einfacher ist, Menschen zu ändern als Umstände.

SVV als Ausdruck persönlicher Freiheit ist ein Aspekt, den man ebenso beleuchten muss. Wer sich selbst schadet, um eben nicht mehr funktionieren zu müssen, der gibt ein Statement ab, dass er unzufrieden mit den Anforderungen ist, die an ihn gestellt werden. Wir lösen dieses persönliche Problem jedoch nicht, indem wir den Betroffenen wieder auf Linie therapieren.

Da viele Kulturen rituelle Selbstverletzungen kennen, ist außerdem anzunehmen, dass zu einem gewissen Grad das SVV (wie andere irrationale Dinge wie Drogenmissbrauch und Religionen) schlicht und einfach in der menschlichen Natur liegt und nur unsere auf Optimierung und Profitorientierung ausgelegte Gesellschaft es als unbedingt schadhaft oder ekelerregend ansieht - es aber gleichzeitig durch permanenten Druck in krankhafter Ausprägung befördert.

Ich zeige euch keine Narben, weil ich auf diese Weise nicht eure Aufmerksamkeit, eure Anerkennung und euer Mitleid oder euren Schock erheischen will. Mit Narben hausieren zu gehen, bedeutet nämlich auch, dass sich dämliche Stereotype manifestieren, nachdem SVV nur eine Form von Aufmerksamkeitsstörung ist. Hier nehmen sich die Außenstehenden mal wieder viel zu wichtig. SVV heißt deshalb Autoaggression, weil es dabei um eine Auseinandersetzung mit sich selbst geht und nicht um eine Beziehung nach außen. Auch wenn das vielleicht schwer zu begreifen ist, aber: Die Welt dreht sich nicht um euch und eure Ansichten – vor allem nicht die Welt eines psychisch Kranken!

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May. 14th, 2016

Warum mich Fantasy-Literatur anekelt

Hallo, mein Name ist suedie und ich lese keine Fantasy-Literatur (mehr). Ein schockierendes Bekenntnis für jemanden, der sich vor allem mit Menschen umgibt, die phantastische Literatur quasi einatmen.

Aber ich habe mir den Ekel angelesen. Ich ertrage keine Handlungen mehr, in denen übernatürliche Fähigkeiten den Unterschied machen zwischen Held und Opfer, in denen Magie ein Werkzeug ist oder Charaktere zu Stereotypen stilisiert werden. Ich will keine Geschichten mehr über pseudo-mittelalterliche Königreiche und politische Verwicklungen lesen, die ganz selbstverständlich nur von wenigen Personen beeinflusst werden. Und vor allem nervt mich der Pathos, die künstliche Bedeutsamkeit, und die Konstruktion von Beziehungen und Vorgeschichte.

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Apr. 24th, 2016

Trivialliteratur heute - Unterwerfung als Wunscherfüllung

Männer sind vom Mars und Frauen sind von der Venus. Nach dieser uralten Annahme, die womöglich darauf begründet ist, dass die Geschlechter gegenseitig keinen Bock hatten, einander verständnisvoll zu begegnen, macht man heute immer noch gerne Kasse.

Vor einiger Zeit fand ich einen Artikel, der die Überschrift hatte „Männer lesen Männer, Frauen lesen alles“, in dem behauptet wurde, Männer ließen sich von einer weiblichen Autorin davon abhalten, in ein Buch hineinzulesen. Sind jetzt alle Männer sexistisch? Oder ist diese Annahme sexistisch? Oder ist vielleicht unser Büchermarkt sexistisch, der annimmt, es gäbe so etwas wie „Frauenromane“ und „Männerlektüre“? Klar haben Frauen weniger Hemmungen in ein „männliches Buch“ rein zu lesen. Frauen haben sich die „Welt der Männer“ soweit erschlossen, dass niemand mehr wagt, ihnen vorzuschreiben, wofür sie sich interessieren dürfen und wofür nicht. Bei Männern scheint das anders zu sein. Männer, die klischeehafte und platte Liebesschnulzen lesen? Undenkbar! Frauen die billige Science-Fiction-Groschenhefte lesen? Cool!

Hier findet eine Abwertung von Themen statt, die man als „weiblich“ identifiziert und die man Frauen durchaus zugesteht, Männern aber eher nicht. Die müssen da drüber stehen! Wir haben es also mit einem ziemlich archaischen Menschenbild zu tun. Die Frage ist nur: Sind die Menschen wirklich so? Oder hat der Markt sie dazu erzogen? Indem man Liebesromane als „Frauenromane“ oder „ChickLit“ vertreibt. Indem man ausdrücklich nur Frauen anspricht, wenn es zum Beispiel um historische Stoffe geht – abseits von Kriegsgeschichten vielleicht?

Gleichzeitig mit der Geschlechtertrennung in der Mainstreamliteratur erleben wir deren Trivialisierung. Das Limitieren der Zielgruppe führt zu einem Zurechtstutzen der möglichen Themen und seltsamen, neuen Subgenres wie der „Billionaires-Romance“ oder der „Gestaltwandlerromanze“ als Untergenre des Untergenres Paranormal-Romance oder des „Dinosaurierpornos“.

Kunden, die dieses Buch gut fanden, lasen auch… Und dann findet man eine ganze Reihe von Epigonen, die allesamt die gleiche Geschichte zigmal erzählen, bis sie ein eigenes Genre erschaffen haben. Für Leser heißt das: Es ist ungemein einfach, sich nicht mehr von einem Themenkomplex verabschieden zu müssen, um etwas neues kennen zu lernen. Sie wissen, was sie erwartet, wenn sie eine der Empfehlungen anklicken. Und alle diese Erwartungen werden erfüllt.

Nun gibt es Trivialliteratur nicht erst seit auf Amazon jeder Möchtegernautor seine Ergüsse an den Mann oder eben die Frau bringen kann. Heftromane gab es immer schon. Sie haben ihre Daseinsberechtigung und ich will sie ihnen auch gar nicht streitig machen.

Dennoch sollte man sich dessen bewusst sein, dass es eben genau das ist, was man da liest: Trivialliteratur ohne künstlerischen Anspruch! Ich persönlich kenne Menschen, die sich damit brüsten, wie viel sie alles lesen und wenn man dann mal nachfragt, läuft es auf Highlander-Romane und Dr. Norden hinaus.

Bücher sind nicht per se ein Bildungsmedium. Sie sind einfach nur ein Medium. Wie Fernsehen oder Radio. Fernsehen macht nicht dumm, aber wenn man die falschen Sendungen schaut, eben doch. Genauso ist es bei Literatur.

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Mar. 19th, 2016

Safe Spaces für Trauernde und andere Minderheiten

Auf Twitter gelangte ein Spruch in meine Timeline. Er lautete: „Psychisch Kranke brauchen einen Safe Space, wer gesund ist und einen verlangt, ist eine Heulsuse!“

Abgesehen von der Tatsache, dass man hier psychisch kranken Menschen die Befähigung abspricht, selbst für sich zu sprechen, bin ich geneigt, der Aussageabsicht dieses Spruchs zuzustimmen. Safe Spaces sind bescheuert!

Nur muss dann eben auch gleiches Recht für alle gelten: Wenn Beleidigungen und Diskriminierungen mit der Begründung „Meinungsfreiheit“(nicht unwidersprochen, aber doch) ausgehalten werden müssen, dann müssen auch Verstöße gegen Anstand und Moral möglich sein.

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Mar. 17th, 2016

Von Rassismus und Cultural Appropriation

Ich bin der Ansicht, dass ein guter Schriftsteller auch ein guter Schauspieler sein muss. Häufig begegnen mir Autoren, die „Beziehungen“ zu ihren Charakteren zu haben scheinen, die mit ihnen reden, streiten, sich ihnen gegenüber stellen. Mir persönlich ist diese Form von Charakterdesign eher fremd. Ich arbeite in der Beziehung sehr anders. Meine Figuren kommunizieren nicht mit mir, ich versuche mich in sie hineinzuversetzen und analysiere dann, welche Aktionen und Reaktionen logisch und angemessen wären – so lässt sich erklären, warum ich manchmal seitenlange innere Monologe schreibe, die nur der Charakterisierung, nicht aber dem Plot dienen.

Man kann diesen Stil mögen – ich tue das – man kann ihn auch ermüdend finden, ich weiß.

Worauf ich aber vor allem hinaus will, ist folgendes: Meine Charaktere sind in den meisten Fällen von mir selbst grundverschieden. Wenn ich ihr Inneres analysiere, muss ich schauspielern, bzw. zu jemand anderem werden.

So gut wie alle meine Figuren entstammen dabei einem Umfeld, das mir fremd ist, vertreten Ansichten, die mir fremd sind oder haben Wünsche und Ängste, die ich nicht teile. Insbesondere aber entstammen sie mir fremden Kulturkreisen.

Und an dieser Stelle wird es „problematisch“. Neumodisch nennt man sowas vermutlich „Cultural Appropriation“ – also „Kulturelle Aneignung“. Jemand, der nicht aus einem bestimmten Kulturkreis stammt, soll sich gefälligst nicht anmaßen, sich etwas davon anzueignen, denn das wäre rassistisch.

Lassen wir einmal außen vor, dass Kultur vom Austausch lebt und sich nur durch Aneignung und Veränderung entwickeln kann. Lassen wir außen vor, dass von kulturellen Errungenschaften alle Menschen profitieren können und dass Erinnerung nur funktioniert, wenn man sie aktiv betreibt.

Ist es rassistisch, sich für andere Kulturen zu interessieren und dieses Interesse dann in eigenen Werken umzusetzen?
Darf man nur konsumieren, aber nicht selbst kreativ werden? Darf ich Irish Folk nur hören, aber nicht selbst versuchen, ihn zu spielen?

Ich denke, Rassismus hat etwas mit Absichten zu tun. Was will man mit der kulturellen Aneignung erreichen? Macht man sich über die Kultur lustig, ist es ohne Zweifel rassistisch. Macht man es abwertend, sicher ebenfalls. Macht man es aus Profitgier und verwendet bewusst Klischees, bereitet es mir schon ein wenig Bauchschmerzen. Ist man sich der Kultur, der man sich bedient, nicht bewusst, läuft es vermutlich auf Fahrlässigkeit hinaus, die man zwar kritisieren kann, aber die nicht zwingend rassistisch motiviert sein muss.

Ein misslungenes Werk, ein fehlerhaftes oder unausgereiftes Werk jedoch halte ich nicht für rassistisch, da hier die böswillige oder eigennützige, abwertende Absicht fehlt. Sicher kann auch ein solches Werk verletzen, man kann die Augen darüber verdrehen, aber der Künstler ist sicherlich kein Rassist, nur weil er etwas missverstanden oder missinterpretiert hat. Ein aufgeschlossener Mensch wird hier für Kritik und Erklärungen offen sein und versuchen, sein Werk zu verbessern.

Nun habe ich ja bereits einmal erwähnt, dass mir ebenfalls der Vorwurf „Cultural Appropriation“ gemacht wurde. Bezeichnenderweise kam er aus der rechten Ecke, was deutlich macht, dass der Begriff „Cultural Appropriation“ selbst rassistisch durchsetzt ist und missbraucht wird.

Ich finde das interessant. Man macht mir den Vorwurf, bei einer Geschichte, die aus der Perspektive eines Maya-Mädchens geschrieben ist. Das sei eine Anmaßung, heißt es. Diese Menschen seien ganz anders und ich könne auf Grund meiner Hautfarbe und kulturellen Prägung ihre Denkweise nicht nachvollziehen. Derartiges erachte ich persönlich als ziemlich rassistisch, aber gut…

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Mar. 12th, 2016

Wisst ihr, die Frau hat das gar nicht allein geschafft...

Am Weltfrauen-Tag ging auf Twitter ein Bild von Margaret Hamilton um, das sie neben dem Ausdruck des Computercode zeigte, an dem sie maßgeblich mitgearbeitet hat und mit dessen Hilfe die Mondlandung realisiert wurde.

Selbsternannte „Humanisten“ wanden daraufhin ein, dass Margaret Hamilton das ja nicht allein geschafft hat.

Soll ich euch was sagen: Alan Turing hat die Enigma auch nicht allein geknackt.

Was soll dieser Scheiß, auf kollektive Arbeitsleistung immer nur dann hinzuweisen, wenn eine Frau den ganzen Ruhm abbekommen hat? So gut wie alle Errungenschaften des modernen Lebens sind Ergebnisse von kollektiver Arbeit, Weiterentwicklung bereits vorhandener Technik oder nur deshalb möglich, weil andere Menschen (zumeist die Ehefrauen) den achso-genialen Erfindern, der Rücken freihielten.

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